Dorfschönheiten

23. August 2006, 16:55
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Das Konzept "Dorftourismus" steht Nordungarn gut zu Gesicht

Es mag schon sein, dass ein Bügeleisenmuseum oder die traditionellen Wandteppiche der Palotzen - also jener Volksgruppe in Nordungarn, die das Dorfleben sogar Weltkulturerbe-tauglich machten - nicht unbedingt einen völlig folklorefreien Ungarn-Besuch in Kazár garantieren. Bedenkt man allerdings, dass Hollókö in den Eichenwäldern des Cserhát-Gebirges als erstes Dorf überhaupt 1987 von der Unesco den Welterbe-Status bekam, weil es eben kein Freilichtmuseum ist, sondern eine gewachsene, teilweise mittelalterliche Struktur, muss schon etwas mehr hinter dem Zelebrieren ruraler Siedlungsformen stecken.

Selbst die völlige Zerstörung des alten Kerns durch ein Feuer im Jahre 1909, die eine komplette Neubebauung nach sich zog, wurde dabei nicht als Musealisierung gewertet, da zumindest die meisten Häuser bis heute auch tatsächlich bewohnt sind. Den Unesco-Titel, den Hollókö trägt, kann man dabei ebenso als Pars pro Toto sehen, denn der genuine Dorfcharakter, den etwa auch Hejce oder Gömörszölös bewahren konnten, ist durchaus spezifisch für die Region.

Kein Bastelkurs

Nur wurde in diesen beiden Dörfern das Handwerk an sich noch weniger zur Folklorenummer degradiert, denn die "Werkstatt von Hejce" ist als internationales Künstler- und Handwerkerlager auch aktive Neuinterpretation dieser Tradition. Selbst die Lebkuchen-, Filz- oder Wollproduktion in Gömörszölös, an der man sich tatkräftig beteiligen kann, geht über den touristischen Pseudokurs deutlich hinaus.

Es kann also nicht weiter verwundern, dass das Konzept des "Dorftourismus", welcher in Ungarn eine erprobte Spielart des europäischen Agrotourismus darstellt, hier auch absolut hinpasst. So sind es mittlerweile knapp 200 Häuser, die sich im Bezirk Nógrád an diesem Projekt beteiligen und meist ganzjährig als Ferienhäuser für Preise um die 10 ¬ pro Person und Nacht zur Verfügung stehen. Es ist mit Sicherheit kein Nachteil, wenn man Pressspanplatten im Inneren der Häuser mit der notwendigen geschmacklichen Indifferenz begegnen kann, aber die Vorteile gegenüber den ohnehin raren Vier-Sterne-Plattenbauten in der Region liegen auf der Hand: Den Besuch des lokalen Heimatmuseums kann man sich sparen, die volle Ausstattung findet man meist im Schlafzimmer. Der Mut, stilistischen Abenteuern gnädig zu begegnen, wird im Gegenzug mit reichlich Platz und meistens auch einem eigenen Garten belohnt - der sich wiederum für professionelles Outdoor-Grillen bestens eignet.

Thermalhöhlen

Die Berge der Region (es handelt sich um Erhebungen bis 1000 Meter) schützen nicht davor, dass der Gang ins Thermalwasser auch hier Tradition hat. Lediglich die Ornamentik dieser Bäder wechselt von einer städtisch-jugendstilhaften zu einer ländlich-karstigen. Das bekannteste Thermalbad der Region in Miskolc ist gleichzeitig eine der schönsten Karsthöhlen Ungarns.

Eger, die junge, studentische Hauptstadt der Region Heves, die ob der metropolenhaften Architektur so gar nicht ins Konzept der "Dorflandschaft" passen will, ist von gänzlich anderen Einflüssen geprägt: Das beweist etwa ein türkisches Bad aus dem frühen 17. Jahrhundert, dessen sieben Becken noch immer mit Thermalwasser befüllt werden. Oder das nördlichste osmanische Minarett Europas als Relikt einer fast hundertjährigen Besatzung durch die Osmanen. Auf der alten Burg in Hollókö ist man jedenfalls stolz auf die jährlichen ritterlichen Spiele, die einerseits das osmanische und andererseits das kuruzische kulturelle Erbe in der Region thematisieren. Wenn es ums Entspannen geht, steht "das Orientalische" sowieso hoch im Kurs. Davon zeugen auch Themenhotels wie das Shiraz, in dem vornehmlich Ungarn bei einer Wasserpfeife im "Café Cairo" oder in der "Bar Casablanca" dieses Flair herbeirauchen. (Sascha Aumüller, Der Standard, Printausgabe 19./20.8.2006)

  • Praktisch der gesamte alte Kern von Hollókö wurde Anfang des 20. Jahrhunderts nach einem Brand neu errichtet. Ganz offensichtlich Unesco-Weltkulturerbe-tauglich.
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    Praktisch der gesamte alte Kern von Hollókö wurde Anfang des 20. Jahrhunderts nach einem Brand neu errichtet. Ganz offensichtlich Unesco-Weltkulturerbe-tauglich.

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