"Das Leben der Anderen": Positive Ausnahme als Erinnerungshilfe

17. August 2006, 17:33
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Florian Henckel von Donnersmarcks DDR-Drama "Das Leben der Anderen"

Berlin/Wien – Die DDR war ein System, in dem viel Text produziert wurde. Nur ein geringer Teil davon war Literatur. Der große Rest wurde niemals veröffentlicht, sondern ging in die Archive des Ministeriums für Staatssicherheit: Abhörprotokolle, Geheimberichte, Denunziationen. Die Stasi-Akte, die während des Regimes der SED wie eine große Hypothek auf dem Leben vieler Bürger lastete, wurde nach 1989 ein Freibrief. Je länger, desto besser.

Die Akte des Schriftstellers Georg Dreyman ist so mustergültig umfangreich, dass sie eigentlich nur erfunden sein kann. Das trifft auch zu, allerdings in einem doppelten Sinn. Georg Dreyman hat es nie gegeben, er ist die fiktive Hauptfigur im (nun in Österreich startenden) Film Das "Leben der Anderen", der in Deutschland heuer viele Filmpreise abgeräumt hat, und: Noch ein halbes Jahr nach dem Start sind viele Vorstellungen ausverkauft.

Der enorme Erfolg des Dramas von Florian Henckel von Donnersmarck hängt unmittelbar damit zusammen, dass Georg Dreyman darin ein zweites Mal erfunden wird – von Gerd Wiesler, dem zuständigen Offizier der Staatssicherheit, der im Dachgeschoß über der Wohnung der Schriftstellers sitzt und alles mithört, was unten konspiriert wird. In seinen Protokollen lässt Wiesler aber einen mustergültigen DDR-Schriftsteller zu Wort kommen, der an einem Stück über Lenin arbeitet, während er doch in Wahrheit einen Text über die hohe Selbstmordrate in der DDR verfasst, den ein Nachrichtenmagazin in Westdeutschland prompt zur Titelgeschichte macht.

Dreyman (Sebastian Koch) und sein Schutzengel Wiesler (Ulrich Mühe) entwickeln sich zu Vertretern einer idealen DDR. Diese erscheint nicht als Unrechtssystem, sondern als ungerecht gewordenes System, und damit nicht als der hoffnungslose historische Fall, als der sie nach 1989 allzu schnell erschien. Hier dürfte auch das Geheimnis des großen Publikumserfolgs liegen. Denn das deutsche Kino nach 1989 hatte mit der DDR bisher seine liebe Not.

Die ostdeutschen Filmemacher und Schriftsteller widmeten sich, wie Andreas Dresen oder Ingo Schulze, lieber den gegenwärtigen Nöten der Menschen, die mit der Transformation in den Kapitalismus ausreichend beschäftigt sind. Die westdeutsche Öffentlichkeit blickte auf das früher nur über eine Systemgrenze hinweg zu erreichende andere Deutschland wie auf ein stecken gebliebenes Wunderland – in "Goodbye, Lenin!" von Wolfgang Becker reduzierte sich der Unterschied zwischen DDR und BRD auf Spreewaldgurke und Coca-Cola.

Geschichtstrauma

Diese Folklore (wenn nur die Politik nicht gewesen wäre!) überlagerte zuletzt die ganze traumatische Geschichte der 90er-Jahre, als eine Stasi-Akte nach der anderen geöffnet, ein prominenter DDR-Autor nach dem anderen als Mitarbeiter der Staatssicherheit enttarnt wurde. Mit "Das Leben der Anderen" kommt diese Bewegung nun an ihr Ziel.

Denn Florian Henckel von Donnersmarck gibt dem Überwachungsstaat in Gestalt des Offiziers Wiesler eine ursprüngliche, persönliche Legitimität. Das mönchische Pathos der Einkehr, mit dem Ulrich Mühe diese Figur spielt, unterscheidet ihn von seinem Kollegen Grubitz (Ulrich Tukur), der nur an seiner persönlichen Karriere interessiert ist, und vom dem Minister Hempf (Thomas Thieme), der sich mit roher Begierde die Freundin von Dreyman gefügig macht (Martina Gedeck spielt das wahre Opfer des Systems).

Die Figur von Gerd Wiesler ist nun die ideale Projektionsfläche für eine Erinnerung, die das Verbrechen nur durch eine positive Möglichkeit hindurch erträgt. Über das Geschehen, das im ganzen Ausmaß kaum adäquat zu überliefern ist, legt sich wie eine Deckerinnerung die Geschichte vom guten Menschen, der die Ausnahme machte.

In einer cleveren Volte verwandelt Florian Henckel von Donnersmarck die Geschichte dieses "Autors", der den Schriftsteller Dreyman gerettet hat, am Ende zurück in Literatur: Die ganze, lange Stasi-Akte wird ein Roman. Die DDR war als System nicht zu halten. Aber sie muss im Rückblick doch bewohnbar bleiben für Menschen, die es faktisch in ihr aushielten. In einem Land mit einem Möglichkeitssinn, der unter zu viel Text begraben lag. (Bert Rebhandl / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.8.2006)

  • Seit Monaten sind in Deutschland die Kinos ausverkauft wegen Ulrich Mühe in "Das Leben der Anderen"
    foto: buena vista

    Seit Monaten sind in Deutschland die Kinos ausverkauft wegen Ulrich Mühe in "Das Leben der Anderen"

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