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Bänkellieder in St. Marx

8. Oktober 2007, 15:27
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Libretto- und Musikkonzept, oder: Mit Englands Tiger Lillies und Martyn Jacques zu Frische dank Schauerromantik

Theatralisches Schwarz und teils bleiche Schminke trugen die "Weberinnen" und die englischen Bänkelsänger der Tiger Lillies am 8. August bei einem Lokalaugenschein am Friedhof St. Marx, um sich von Experten erläutern zu lassen, dass Mozarts Gebeine dort wohl irgendwo verstreut seien, dessen Schädel aber ohnedies ganz wo anders. "... eigentlich eh egal", soll eine der "Weberinnen" kommentiert haben.

Und damit war jene Freiheit getroffen, welche sich die Produktion mit einiger Berechtigung als Startbedingung setzte: Ausgelaugt wären wohl eine szenische Aufbereitung des vielerorts abgedruckten Briefmaterials oder des Expertenstreits um Partiturtempi - wenn doch die Phantasien um ein bewegtes Komponistenleben mitsamt halbmysteriösem Dahinsterben eine viel sinnstiftendere Arbeitsgrundlage ergeben.

Auf dem Geist und den Tonfall der Schauerromantik, welche in den späten Lebensjahren Mozarts parallel zu dessen Werk aufblühte, fussen musikalische und selbstinzenatorische Ideen. Der mit den umflorenden Kompositionen beauftragte Martyn Jacques gibt an, seine Kindheitsjahre über einem Bordell verbracht und Zuhälter wie Drogenopfer als Inspirationsquelle gehabt zu haben, und transportiert damit die Idee vom Leben als ewige Grottenbahnfahrt. Und den verschmitzt singenden Tiger Lillies aus London ("Little Match Girl") nimmt man wohl sofort ab, dass Mozart für sie eine sehr plastisch greifbare Figur wäre: als Wachsfigur bei Madame Tussaud's.

Ein fest im Heute verankerter Blick aufs Gestern leitet wohl auch Felix Mitterer: Der aus dem Tiroler Bergland stammende Autor hatte zuletzt das Filmdrehbuch zu "Andreas Hofer - Die Freiheit des Adlers" verfasst - und einen persönlich fundierten Zugang bei der Aufbereitung halbfiktiver Familienverhältnisse von einem, der aus dem Fürsterzbistum Salzburg fortzog, um im Freien sein Glück zu machen (ein Fall von denkste?). Schließlich, aus Zuseherperspektive: Verbindet man mit Barockkostümen wirklich noch Geschichte - oder eher den Life Ball? (red)

  • Artikelbild
    foto: © vbw/oliver hadji
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