Nachlese: "Man verstaatlicht ja auch nicht die Brauereien"

19. Oktober 2006, 13:47
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Bwin-Vorstand Manfred Bodner im derStandard.at- Interview über die Frustration mit der deutschen Entscheidung und die Sportwette als Opferlamm

derStandard.at: Sie haben sich letzte Woche zurückgehalten mit Statements, nachdem die Entscheidung in Deutschland gefallen war. Waren Sie überrascht?

Manfred Bodner: Inwieweit kann man von der rücksichtslosen und korrupten deutschen Politik noch überrascht sein. Da wird eine vollkommen absurde Hexenjagd betrieben, die bestehende Gesetze ignoriert, Bundesverfassungsgerichtsurteile wissentlich falsch interpretiert. Uns überrascht fast nichts mehr. Es ärgert uns natürlich und frustriert uns. Unser Partner in Deutschland ist seit 16 Jahren Inhaber einer deutschen Wettlizenz. Seit 16 Jahren wird er vom Lottoblock drangsaliert, der Mann ist mittlerweile schon gesundheitlich angeschlagen. Es ist ein Kesseltreiben, das hauptsächlich von Bayern ausgeht. Vor allem schwächere Bundesländer tun sich dann schwer, sich neutral zu verhalten. Und was in den Zeitungen steht, dass uns die Lizenz entzogen wurde, ist falsch. An Herrn Pfenningwerth (Steffen Pfenningwerth ist Inhaber des Wettanbieters bwin e.K., der deutsche Partner des österreichischen Internet-Anbieters Bwin) ist eine Untersagungsverfügung ergangen. Man versucht ihm die Ausübung seiner Geschäftstätigkeit zu verbieten. Das ist ein feiner juristischer Unterschied. Aber die Lizenz ist intakt.

derStandard.at: Die Auswirkung in der Praxis ist aber die gleiche?

Bodner: In der Praxis heißt das, dass wir in Deutschland ungestört arbeiten. Wir haben 14 Tage Zeit, gegen diese Unterlassungsverfügung Einspruch zu erheben. An diesem Einspruch arbeiten wir gerade. Unsere Juristen sagen, diesem Einspruch muss nach allem Wissen und Gewissen stattgegeben werden. Sollte das nicht sein, handelt es sich hier um reine weisungsgebundene politische Willkür. In einer guten Woche wissen wir das.

derStandard.at: Arbeiten Sie derzeit legal?

Bodner: Die deutschen Politiker sagen, wir sind illegal. Nun frage ich Sie: Wie können wir illegal sein, wenn die Lizenz nicht entzogen ist und die Untersagung der Geschäftstätigkeit 14 Tage Einspruchsfrist hat? Trotzdem entblöden sich die Herren in Bayern und in Sachsen nicht, uns seit Monaten als illegal zu bezeichnen in Deutschland. Das hat natürlich Schadenersatzklagen zur Folge, die nicht so medienwirksam sind, die womöglich Monate oder Jahre dauern, aber die wir bis zum Ende durchfechten werden.

derStandard.at: Das heißt, im Augenblick arbeiten Sie an dieser Schadenersatzklage?

Bodner: Es wird mehrere Schadenersatzklagen geben. Nicht nur von uns. Es kommen auch Schadenersatzklagen aus Amerika von großen Fonds-Gesellschaften, die sich natürlich die Rechtsgrundlage in Deutschland angeschaut haben, weil hier vorverurteilt wird und dadurch Kurseinbrüche ausgelöst werden, die in keiner Weise durch die realen Gegebenheiten gerechtfertigt und von Politikern herbeigeredet sind. Diese betreffenden Personen werden sich mit hohen Schadenersatzklagen der amerikanischen Fonds konfrontiert sehen. Das wird nicht lustig.

derStandard.at: Sie haben ja viele Sympathisanten unter den deutschen Medien.

Bodner: Es steht in Wirklichkeit das ganze aufgeklärte Deutschland hinter dieser Sache. Die deutschen Medien, die deutsche Fußballliga, der deutsche Fußballbund, der Basketballverband, der Handballverband, 13 Profivereine. Das sind nicht nur Institutionen, die wir sponsern, sondern es sind Institutionen, die sagen, diese Sackgassenpolitik, die Stoiber und Co da betreiben, führt zu nichts.

derStandard.at: Wie geht es weiter?

Bodner: Der ganze Dreh- und Angelpunkt ist ein Bundesverfassungsgerichtsurteil vom März dieses Jahres, in dem das deutsche Monopol als verfassungswidrig bezeichnet wurde. Und man gab den deutschen Monopolisten ein Jahr Zeit, den Markt neu zu regeln. Wenn es wirklich darum geht, Spielsucht zu beschränken, dann müsste man sämtliche Werbung für Glücksspiel einstellen. Dann hätte man die theoretische Legitimation auch keine Privaten zuzulassen. Jetzt wissen wir aber, dass jeden Sonntag und Mittwoch eine Lottoziehung im Fernsehen ist, wo Millionen Leute zuschauen. Wir wissen, dass jeden Samstag die Klassenlotterie eine Millionenshow im RTL hat. Wir wissen, dass es 26.000 Annahmestellen gibt, die vollgeklebt sind mit Werbung für die Sportwette, fürs Lotto, fürs Bingo, für die Klassenlotterie. Das gibt es seit 20 Jahren und gibt es auch heute noch. Trotzdem entblöden sich Menschen wie Stoiber nicht, dass sie sich hinstellen und behaupten, wir haben jetzt den Auftrag vom Bundesverfassungsgericht, die Privaten zuzusperren. So wird das Urteil interpretiert. Aus meinem Gefühl heraus müsste es in den nächsten Wochen eigentlich Bundesverfassungsrichter geben, die an diesem Urteil damals beteiligt waren, die aufstehen und sagen, so war es nicht gemeint.

derStandard.at: Da geht es um viel Geld.

Bodner: Die Sackgasse ist ja die: Die deutschen Politiker, die an dieser Hexenjagd teilnehmen, übersehen eines ganz fundamental: Wollte man das Bundesverfassungsgerichtsurteil wirklich exekutieren , hieße das natürlich keine Lottowerbung mehr, keine Fernsehziehung, keine Veröffentlichung von Nummern in den Zeitungen, eine Reduktion der Annahmestellen, keine Werbung auf den Annahmestellen, also eine Minimalisierung des Spielbetriebs. Dort wird es dann richtig teuer. Weil damit entgehen – da gibt es eine KPMG-Studie von uns, die demnächst veröffentlicht wird – damit entgehen dem Staat rund 2 Milliarden Euro Einnahmen allein aus dem Lottogeschäft. Denn das ist ja das große Geschäft. Begonnen wird mit den Sportwetten, weil dort ist die Konkurrenz am wichtigsten, denn beim Lotto haben sie ja keine Konkurrenz. Die Sportwette wird hochgespielt und als Opferlamm geschlachtet.

derStandard.at: Sie haben ja auch Rückenwind aus Brüssel.

Bodner: Wir haben nur Rückenwind. Das ist natürlich unerfreulich für einen Mitteleuropäer, dass er in einem mitteleuropäischen Land totalitäre Zustände auf sich zukommen sieht. Unsere Anwälte schütteln nur den Kopf und lachen. Das war der Höhepunkt einer sich 16 Jahre hinziehenden, politischen Auseinandersetzung eines Staates, der nicht akzeptieren will, dass er private Lizenzen erteilt hat. Diese Lizenzen sind ja vollkommen legitim. Das steht auch im Bundesverfassungsurteil drin, dass es die Lizenzen gibt und dass die legitim sind. Was die in den Medien daraus machen ist: Wir sind illegal, und das Bundesverfassungsgericht hat gesagt, sie müssen uns zusperren. Das ist ein Schauermärchen.

derStandard.at: Nun war zuletzt nicht klar, ob das Verbot für ganz Deutschland oder nur für Sachsen gilt. Ist das mittlerweile klar?

Bodner: Wenn tatsächlich die Ämter entscheiden sollten, dass dem Herrn Pfennigwerth die Geschäftstätigkeit untersagt bleibt, mit Sofortvollzug, dann kann er sein Geschäft nicht betreiben im Moment. Dann werden wir natürlich den Kunden die Möglichkeit bieten, dass sie auf der internationalen Seite weiterspielen, weil die laut Brüssel ohnehin in Deutschland erreichbar sein muss.

derStandard.at: Notfalls könnten die Landesmedienanstalten die Internet-Angebote auch mit technischen Mitteln blocken, sagte der sächsische Innenstaatssekretär Jürgen Staupe letzte Woche in Dresden. Wird es soweit kommen?

Bodner: Leute wie der Herr Staupe behaupten auch, dass Landesrecht vor EU-Recht geht. Es gibt da jetzt genau zwei Möglichkeiten. Deutschland begibt sich zurück ins partikulare Mittelalter oder Deutschland schließt sich der EU an, schaut nach vorne und löst seine wirklichen Probleme und führt nicht so dumme Scharmützel an Nebenfronten, die nur in Sackgassen führen.

derStandard.at: Haben Sie schon errechnet, welcher Schaden durch das bundesweite Werbeverbot in Deutschland entsteht?

Bodner: Naja, Steffen Pfenningwerth hat einmal eine 500-Millionen-Euro-Klage angekündigt. Schadenersatz, Markenschädigung, Rufschädigung, Geschäftseinbruch. Das geht an die handelnden Politiker und die Organe der Länder. Und von amerikanischen Fonds kommen noch andere Summen. Denn da geht es um die Kursrelevanz dieser wissentlich getätigten falschen Aussagen von Politikern, die ihre Pfründe verteidigen. Wenn man einmal die Lottostrukturen in Deutschland analysiert, dann sieht man, dass alle unfähigen Politiker auf Lottodirektorenposten abgeschoben werden. Das ist ein Politikfilz, in dem über Hunderte Millionen nach Gutdünken verfügt wird. Das hat ein Ausmaß, das man sich bei uns in Österreich gar nicht vorstellen kann.

derStandard.at: Wie zuversichtlich sind Sie für den Einspruch?

Bodner: Es gibt auch gute Nachrichten. Es gibt eine Opposition in Deutschland und einen letzten Rest demokratischer Strukturen. Es gibt Oppositionsparteien, die aufstehen. Die Grünen haben einen Parlamentsantrag in Bremen eingebracht, die Bundes-FDP hat einen Parlamentsantrag eingebracht. Wir sind guter Dinge.

derStandard.at: Befürchten Sie, dass sich andere Staaten an Deutschland ein Vorbild nehmen werden?

Bodner: Ich glaube, dass die Sache in Deutschland die Liberalisierungstendenzen ingesamt eher beschleunigen wird.

derStandard.at: Wir müssen uns also nicht fürchten, dass uns das Glücksspiel von nichtstaatlichen Anbietern abhanden kommt?

Bodner: Nein. Es gibt keinen Grund, dass das Glücksspiel beim Staat besser aufgehoben ist. Man verstaatlicht ja auch nicht die Brauereien, obwohl es Alkoholsucht gibt.

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Wissen: Der börsenotierte österreichische bwin Interactive Entertainment AG ist an der deutschen Beteiligungsgesellschaft bwin e.K. mit 50 Prozent als atypisch stiller Eigentümer beteiligt, die anderen 50 Prozent gehören Steffen Pfennigwerth, Inhaber und Gründer von Odds Sportdata. Die Lizenz stammt noch aus DDR-Zeiten.

Die bwin-Gruppe ist ein internationaler Anbieter von Sportwetten und Online-Spielen. Angeboten werden Sportwetten, Poker, Casinospiele und Soft-Games. Die Konzernmutter bwin Interactive Entertainment AG notiert seit März 2000 an der Wiener Börse. Das Unternehmen besitzt u. a. Lizenzen in Gibraltar, Kahnawake (Kanada), Belize, Deutschland, Italien, Mexiko, Österreich und England. Niederlassungen befinden sich in Wien, Stockholm und Gibraltar. Die Konzernmutter übernimmt für ihre Tochterunternehmen unter anderem die Funktionen Marketing, Finance & Administration, Corporate Communications und Controlling sowie IT-Services. Das operative Geschäft wird von lizenzierten Tochterunternehmen betrieben.

1998 wurde das zuvor unter dem Namen Betandwin firmierende Unternehmen von Norbert Teufelberger und Manfred Bodner gegründet. Teufelberger und Bodner führen das Unternehmen gemeinsam. (Regina Bruckner)

  • Bwin-Vorstand Manfred Bodner.
    foto: standard/titz

    Bwin-Vorstand Manfred Bodner.

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