Zoran Drvenkar: "touch the flame"

17. August 2006, 18:31
posten

Eine Zeile aus einem frühen Song von U2, eine gute Devise, die aber auch bedeutet, dass man sich immer wieder neu verbrennen kann

Auch Wut kann wärmen, wenn man nichts Besseres hat; aber dazu muss man sie erst einmal rauslassen können, und das kann genauso wehtun wie manche edlere Empfindung auch. Aber es lässt sich lernen - und genau darum geht es in "touch the flame". Um einen fünfzehn Jahre alten Jungen, der gerne von den Menschen in seiner Umgebung wahr- und ernst genommen würde, und der zudem überhaupt erst ausprobieren muss, wie das ist: sich selbst zu spüren. Das sind viele Lektionen auf einmal, und sie werden in Zoran Drvenkars Roman allesamt im Verlauf eines einzigen turbulenten Wochenendes erteilt.

Lukas lebt bei seiner übervorsichtigen Mutter in Berlin und soll nach sieben Jahren seinen Vater wieder treffen und mit diesem gemeinsam ein paar Tage verreisen. Keine tolle Aussicht, denn dieser Mann ist ein Fremder, er kommt zu spät, parkt seine Angeberkarre mitten auf der Straße und mimt den Macho, obwohl er beim Treppensteigen schnell ins Schnaufen gerät. Er erkennt seinen Sohn nicht, er ist nicht neugierig und nicht mitteilsam - jeden Tag eine einzige persönliche Frage, das ist das väterliche Limit für die gemeinsame Tour.

Was dann folgt, ist eine gemeinsame Reise ins Herz der Finsternis, ein Roman wie ein Road Movie mitten im deutschen Alltag, quer durch Hamburg, wo man sich eine so genrehafte Geschichte eher nicht vorstellen würde. Aber Zoran Drvenkar kann das erzählen, das hat er auch in schon in anderen Büchern, etwa über Straßengangs in Berlin oder in zwei Psychothrillern für Jugendliche und Erwachsene bewiesen. Er schickt Lukas mitten in die Verwicklungen einer Dynastie von Kriminellen, deren Mitglieder nach der Beute eines lange zurückliegenden Einbruchs suchen und die alle untereinander offene Rechnung zu begleichen haben.

Es geht dabei oft rau zu, aber Zoran Drvenkar hält doch immer die Verbindung zu jener gewöhnlichen Welt der zerbrochenen Familien, die wir alle kennen - es gibt nur einen Unterschied: Aggressionen und Einsamkeit sind ein bisschen größer und ein bisschen überwältigender als im richtigen Leben. Aber darum geht es ja in jedem guten Buch und bei aller Kunst: dass alles ein bisschen wuchtiger, ein bisschen überhöhter wirkt als in der Wirklichkeit. Lukas ist also ein Held, obwohl er eine Abreibung nach der anderen einsteckt; er ist ein Held, weil er das durchsteht. Durch seine Augen blickt der Leser, seine Sprache nutzt Zoran Drvenkar, um die Story voranzutreiben - und er erfindet diesem Jungen deshalb auch keine grandiose Ausflucht aus seiner Malaise. Er lässt ihn reifen, lässt ihn selbstbewusster und mutiger werden - sodass er von einer nörgelnden Opferhaltung loslassen kann, die ihm nicht weiterhilft, und von einem Selbsthass, der ihn zerfrisst.

Am Ende steht Lukas vor einer Tür, hinter der eine junge Frau lebt, die er gerne küssen möchte - aber der Roman hat ein offenes Ende, also kann der Leser ausmalen, was anschließend passieren könnte. Denn "touch the flame", eine Zeile aus einem frühen Song von U2, ist zwar eine gute Devise, bedeutet aber auch, dass man sich immer wieder neu verbrennen kann. (Alex Röhle / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.8.2006)

  • Artikelbild
    foto: sz
Share if you care.