Eine Festnahme nach Flüchtlingstragödie von Dover

20. Juni 2000, 19:34

Chef der Spedition soll Hinweise auf Hintermänner geben

London - Der Firmenchef der niederländischen Spedition "Van der Spek", auf deren Lastwagen am Montag die Leichen von 58 Flüchtlingen gefunden worden sind, wurde offenbar festgenommen. Der britische TV-Sender "Sky News" meldete am Dienstag, dass der 24-jährige Niederländer Arjen van der Spek im Zuge der Ermittlungen gegen die Schuldigen der bisher größten Flüchtlingstragödie Westeuropas nach Fahndungsmaßnahmen von den Behörden in Gewahrsam genommen worden sei.

Die Spedition war nach Informationen der niederländischen Presse erst vergangene Woche bei der Handelskammer Rotterdam angemeldet worden. Offenbar handelte es sich dabei um eine Briefkastenfirma.

Bei der Routinekontrolle des als Gemüsetransporter deklarierten Lastwagens hatten britische Zöllner in der Nacht auf Montag die Leichen von 54 Männern und vier Frauen, die vermutlich aus China stammten, entdeckt. Die Kühlung war ausgeschaltet, der Frachtcontainer hermetisch verschlossen.

Nur zwei Männer haben den Transport überlebt

Die Ermittler gehen davon aus, dass die versteckten Passagiere wegen Sauerstoffmangels auf Grund der hohen Temperaturen oder an Abgasen erstickt sind. Nur zwei Männer haben den Transport überlebt.

Die britische Polizei erhofft sich von Van der Spek entscheidende Informationen über die Hintermänner des Menschenschmuggels. Als Drahtzieher wird eine der berüchtigten "Schlangenkopf-Gangs" - eine chinesische Schleuserbande - vermutet.

In Peking zeigte sich die chinesische Regierung "schockiert" über die Tragödie. Man habe Kontakt zur britischen Seite aufgenommen, sagte der Sprecher des Außenministeriums, Zhu Bangzao. China habe im vergangenen Jahr seine Kooperation mit anderen Ländern und seine Bemühungen verstärkt, der illegalen Auswanderung Einhalt zu gebieten.

Die europäischen Grenzbeamten sind gegen die chinesischen Schleuserbanden weitgehend machtlos. "Für die Polizei ist es fast unmöglich, diese Gruppen zu unterwandern", sagte Frank Laczko, Experte bei der Internationalen Organisation für Migration (IOM) in Genf. "Sie sind extrem gefährlich und schrecken auch vor der Ermordung ihrer Kunden nicht zurück."

Nach dem am Dienstag veröffentlichten Jahresbericht des deutschen Bundesgrenzschutzes für 1999 hat sich die EU-Binnengrenze zwischen Deutschland und Österreich zu einem Brennpunkt des Menschenschmuggels entwickelt. Danach sind in dieser Region im vergangenen Jahr 1.576 (1998: 1.072) Schleuser festgenommen worden.

Die spanische Polizei entdeckte am Dienstag einen Kleinlaster, in dem 36 illegale Einwanderer aus Marokko und Algerien zusammengepfercht waren, darunter sechs Kinder. Einige der Flüchtlinge seien in schlechter körperlicher Verfassung und völlig erschöpft gewesen, teilten die Behörden in Malaga mit. Die Immigranten hätten seit vier Tagen nichts mehr zu essen und zu trinken bekommen. Der spanische Fahrer wurde festgenommen. (APA)

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