Ein Kilo Traum

22. Jänner 2007, 21:42
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Die 1000er Yamaha Fazer gilt als Wolf im Schafspelz - So fad sieht sie aber gar nicht aus, meint Guido Gluschitsch

Die Kilo-Fazer. Von der hab ich doch schon immer geträumt. Wäre finanziell auch locker drinnen gewesen so eine Fazer, wäre da nicht das Minus am Kontostand gewesen, als ich mir mein erstes Eisen kaufte. Wäre wohl auch ein ziemlich heftiger Einstieg in die Welt des Motorrades gewesen.

Nach Jahren der Abstinenz. Mit 16 eine KTM Pony, dann ewig nichts ... und dann die Kilo-Fazer? Nein. Also hab ich mir damals die Fazer 600 gekauft. Ging sich zwar monetär immer noch nicht aus, aber gut. Wenigstens 600 Gramm Traum. Aber jetzt. Endlich. Kilo-Fazer.

Noch dazu im neuen Styling. Ein bulliger Tank, ein extrem scharfer Bürzel und ein kleiner, schwarzer Auspuff. Underseat ist nicht mehr, wie man nicht nur bei Yamaha, sondern auch bei Suzuki merkt.

Nur das G’schau der Wespe ist geblieben. Die Spiegel wie Fühler. Wenn die im Rückspiegel auftaucht, spürt man direkt den Stachel im Allerwertesten. Und auch hier ist es am Besten, man verhält sich ruhig, bis die Wespe weg ist. Denn je wilder man um sich schlägt, desto eher sticht sie.

Yamaha liefert neben der Fazer auch die nackerte FZ1 aus. Ohne Mützchen über dem Lichtspender. Kein Wespenblick, aber ein wahrlich edler Scheinwerfer. Ansonsten sind sie ident. Sogar Tachometer (digital mit allerlei Schnickschnack) und Drehzahlmesser (analog) sind gleich. Nicht wie bei den Kawas, die auf der verkleideten Z 750 S einen analogen Tachometer montierten, während die nackte Z 750 die Geschwindigkeit digital ablesbar macht. Die Kawas bringen eine durchgehende Rücksitzbank bei der S, eine geteilte bei der nackten. Nicht so die Yamahas.

Wobei zu erwähnen bleibt, dass die Sitzerln der Tausender äußerst angenehm sind. Sportlich für die Hatz, wie auch bequem für die Reise über die Autobahn. Der Soziatest der Lektorin musste zum Leidwesen des Autors und zur Freude der Frau Lektorin allerdings aufgrund eines übervollen Terminkalenders (ich glaub die Frau Lektorin hat auch noch was anderes zu tun, als sich um mich zu kümmern) ausfallen.

Ich bekam die Fazer, nicht die FZ1. Verkleidet, rot, scharf, hübsch. In ihr schlägt das Herz der R1, sagt man. Eine Verkaufsmasche, sage ich. Die Fazer trägt zwar wirklich den gleichen Motor – nur halt einen komplett umgebauten. Na ja, quasi ein "Ich trau mich keine Supersportler fahren". Aus Angst, von jemandem hergebrannt zu werden. Oder weil es die Bandscheiben nimmer mitmachen. Am Stammtisch, oder vor der Oma, fährt man dann doch das mächtigste Aggregat der Welt. Die Cracks sehen das etwas anders. Es bleiben 150 PS Leistung und 106 Nm Drehmoment aus 998 ccm. Sehen S’? Alles halb so wild.

Pfah, weit gefehlt. Jetzt sind S’ mir voll auf den Leim gegangen. Die Kilo-Fazer ist eine Waffe. Die aufrechte Sitzposition und der breite Lenker machen die Fazer abseits der Rennstrecke weitaus gefährlicher als es die R1 ist. Die Leistungskurve wurde ein wenig freundlicher gestaltet.

Dafür gibt es mehr Drehmoment bei weniger Touren. Apropos Touren. Die Fazer ist natürlich ziemlich gut für Touren geeignet. Das Windshield bietet einen angenehmen Schutz, und längere Etappen auf der Autobahn sitzt man auf einer Backe ab. Hang-off über den Wechsel. Ja, das würde gehen. Die Fazer macht das mit. Eh klar, das darf man natürlich nicht.

Genauso wenig, wie Koffer auf der Yamaha verbauen. Nein, Herr Hirschhofer, das tut man nicht. Sonst bekommt man gleich eine völlig neue sexuelle Ausrichtung angedichtet, mit der Vorliebe, Touren zu fahren. Selbst wenn man die Fazer ständig mit funkenden Rasten um die Ecke trägt – wie Sie das tun. Das Kofferverbot schränkt die Tourentauglichkeit wieder ein wenig ein. Der Campingbus auf zwei Rädern ist die Fazer nämlich nicht. Dazu ist sie viel zu sportlich.

>>> Nimmer feierlich

Ein Dreh am Gasgriff und es drückt einen in den Sitz. Herrlich. Es zieht einem die Ärmel lang, dass man fast aufpassen muss, nicht am Lenker zu hängen. Das würde nur unangenehme Vibrationen an das Vorderrad schicken. Da kriegen S’ vom metaphorischen Bären die Pratzen auf den Körper gedroschen, wenn S’ Gas geben, und werden über die Bergstraßen gefotzt. Herrlich, werden Sie sagen. Weiß ich eh. Das machte mir aber manchmal schon Probleme, dass da so viel Kraft anliegt.

Weil, stellen S’ Ihnen vor, Sie bremsen gerade eine Kurve an. Die Vorderbremsen verrichten mehr als ordentlich ihre Arbeit. Nicht so scharf wie auf der R1, aber dennoch. Die Fazer darf sich einer sehr guten Verzögerung rühmen. Kurveneingang. Umlegen. Noch immer auf der Bremse, weil mit ein bisserl einem Überschuss waren S’ wieder unterwegs, Sie Lauser. Alles kein Problem. Die Fazer lässt sich auch auf der Bremse fein ums Eck werfen. Bremsen auf, weil jetzt muss es langsam genug sein. Kurvenscheitel. Gas auf, aber ordentlich. Sie sind ja kein Standgasfahrer. Und was jetzt passiert, ist nimmer feierlich.

Die Fazer sprintet los wie von der Tarantel gestochen. Herrje. Wenn S’ jetzt zu schnell dran sind, wird es eng. Weil den Gashahn wieder zu schließen, ist gar keine gute Idee. Die Fazer hat nämlich heftige Lastwechsel. Und die machen in einer Kurve aber so gar keinen Spaß.

Es hat schon ein paar Mal Umlegen gebraucht, bis ich mit der Fuhre halbwegs rund über die Berge kam. Ganz vertraut wurden mir die Lastwechsel aber bis zum Schluss nicht. Der Pteppic, der ja selber eine großvolumige Yamaha fährt, hatte allerdings damit keinerlei Probleme. Ein herzhaftes "Na was hast gedacht was passiert, wenn der Murl seine Arbeit tut?" war alles, was ihm über die Lippen kam.

Vielleicht bin ich aber auch nur zu schnell von der Fazer 600 auf die Kilo-Version umgestiegen und sollte sicherheitshalber noch eine Lektion mit der KTM Pony einschieben. Sie bleibt halt ein Traum, die Kilo-Fazer. Erst kann ich sie nicht fahren, weil ich sie mir nicht leisten kann. Jetzt kann ich sie nicht fahren, weil ich sie nicht so recht derfahr. Auch wenn die Frau Lektorin meint, dass das vielleicht nur am fehlenden Batman-Pickerl am Helm liegen wird. (Text und Fotos: Guido Gluschitsch, derStandard.at, 16.8.2006)

Yamaha Fazer

Preis: EUR 12.490,-

Motor: 4-Zylinder-Viertakt. Hubraum: 998 ccm. Leistung: 110 kW/150 PS bei 11000 U/min. Max. Drehmoment: 106 Nm bei 8000 U/min. Antrieb: Kette, 6-Gang-Getriebe. Bremsen: Zwei Scheiben vorne, eine hinten. Sitzhöhe: 815 mm. Trockengewicht: 204 kg. Tank: 18 l.

Link
Yamaha

  • So etwas wie der Stachel im Allerwertesten: Die 1000er Fazer.
    foto: derstandard.at

    So etwas wie der Stachel im Allerwertesten: Die 1000er Fazer.

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