Gegen den guten Geschmack

29. November 2006, 15:28
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Ihr Name steht für einen Stil: Andrée Putman - Für die Kosmetikfirma Helena Rubinstein hat sie jetzt die Verkaufspunkte neu designt

Es gibt Worte, auf die reagiert sie allergisch. Gemütlichkeit zum Beispiel oder, noch schlimmer, guter Geschmack. Gegen den bon gôut, sagt sie - und es ist, als würde sie sich Handschuhe anziehen müssen, bevor sie diesen Begriff in den Mund nimmt - habe sie ein Leben lang Krieg geführt. Man muss sagen, sie war sehr erfolgreich dabei. Andrée Putman, die Grande Dame des französischen Designs, hat unsere Vorstellung von Eleganz, Luxus und gutem Geschmack vollständig revolutioniert. Sie war es, die den Minimalismus über plüschige Pracht gestellt hat; die diskrete Eleganz über den ins Auge springenden Luxus; das Wohlbefinden über illusorische Formen der Gemütlichkeit.

Bühnen der Zukunft

Vor allem hat sie in den Achtzigerjahren bereits begriffen, dass Hotels, Restaurants und Geschäfte die Bühnen der Zukunft sind. Orte, die man aufsucht, weil man sie gesehen haben muss. Aber noch mehr, weil man dort gesehen werden will. Jetzt soll sie, verrät Andrée Putman, das legendäre Morgan's Hotel, das ihr 1985 zu Weltruhm verholfen hat, überarbeiten. Ihr Reisepass liegt auf dem Schreibtisch bereit, morgen soll es nach New York gehen, und an der Art, wie sie ihn in die Hand nimmt, ahnt man, dass sie kein gutes Gefühl hat: "Die Botschaft", sagt Putman, "ist doch höllisch: 'Machen sie uns wieder so ein nettes amerikanisches Hotel, das ständig ausgebucht ist . . .'" "The handsomest hotel of New York", schrieb Vanity Fair damals. Eines, das im Trend liegt, womöglich. Noch so ein Wort, das sie verabscheut. Trend.

Welten entfernt vom Banalen

Andrée Putman will nicht trendy sein. Man kann das einer Dame von 80 Jahren nicht verübeln. Andrée Putman. Der Name steht für einen Stil: klar und geradlinig, Welten entfernt vom Banalen. Sie selbst verkörpert ihn, sieht aus, als sei sie in Wahrheit einem Gemälde von Modigliani entstiegen. Als Innenarchitektin will sie nicht bezeichnet werden. Schon gar nicht als Dekorateurin. Sie sei "une touche-à-tout". Ein Kind, das alles anfasst, wenn es um Stil geht. Eines, das von nichts die Finger lassen kann. Möbel hat sie entworfen, die Concorde ausgestattet, Residenzen und Villen Prominenter eingerichtet, hat sich Flagstores erdacht, Hotels umgestaltet, das Guggenheim-Museum in Szene gesetzt und sogar in Filmausstattung hat sie sich versucht, für Peter Greenaways "The Pillow Book". Und das Auge, kann man es schulen, kann man Geschmack erlernen, antrainieren oder sich anlesen? Es platzt aus ihr heraus: "Man hat ihn oder man hat ihn nicht!"
(Martina Meister/Der Standard/rondo/18/08/2006)

  • Sie gestaltete die Bühnen der Zukunft: das Morgan's Hotel in New York verhalf Andrée Putman zu Weltruhm.
    foto: rubinstein

    Sie gestaltete die Bühnen der Zukunft: das Morgan's Hotel in New York verhalf Andrée Putman zu Weltruhm.

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    foto: rubinstein
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