Sanfter Riese: Benni Hemm Hemm

24. August 2006, 16:10
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Der junge isländische Songwriter und Entertainer und sein fantastisches Debütalbum

Wenn ein Album mit Schrammelgitarre, patschertem, leicht dissonantem Bläsersatz und Glockenspiel beginnt, kann man sich ruhigen Gewissens zurücklehnen. Es wird alles gut werden. Beginning End titelt die am Ende auch als Coda wieder auftauchende Overtüre, mit der der 26-jährige isländische Hüne Benni Hemm Hemm sein selbstbetiteltes Albumdebüt startet. Er verweist damit stilistisch nicht nur auf große Vorbilder der Sanftmut und Schlaffheit wie die schottischen Großmeister Belle & Sebastian. Auch Ennio Morricone würde wahrscheinlich ein Leitmotiv für einen Western, in dem bei Kaffee und Kuchen statt bei Kaffee und Bohnen mit Speck mehr diskutiert als geschossen wird, genau so anlegen.

Mit bis zu zwölf Begleitmusikern sind auf diesem daheim in Island und exklusiv in Japan bereits im September 2005 erschienenen und jetzt für Europa beim feinen deutschen (Elektronik-)Label Morr Music lizensierten Album zwölf Songperlen entstanden, die ähnlich herzerweiternd funktionieren wie die Lieder des an dieser Stelle in der Vorwoche vorgestellten US-Songwriters Zach Condon mit seinem Projekt Beirut und dem Album Gulag Orkestar.

Auch beim sich offen für eklektischen Musikkonsum bekennenden Benni Hemm Hemm lassen sich Spuren von für die eigenen Zwecke hübsch adaptiertem Balkan-Pop feststellen. Von dem behauptet der live zudem als großer und launiger Entertainer geltende Gitarrist und zwischen englisch und isländisch pendelnde Sänger, dass er sich von einigen bekannten isländischen Volksliedern strukturell und soundmäßig gar nicht so sehr unterscheide. Bestes Beispiel dafür, Bennis mit falschen Kosakenchören auffrisiertes Lied Sumamótt. Eine Taschensymphonie, die nicht nur das Wolgalied einer isländischen Neudeutung unterzieht, sondern zu allem Überfluss auch noch prächtig quengelnde Agentenfilm-Gitarren auffahren lässt.

Wirklich berührend aber wird es bei Benni Hemm Hemm immer dann, wenn er sich zum aus dem internationalen Bierzelt ausgeliehenen Schunkelrhythmus des CCR-Klassikers Proud Mary Richtung Neue Welt träumt. Dann torkeln die oft mehr gegen- als miteinander kommunizierenden Blasinstrumente vom Fassanstich beim lokalen Feuerwehrfest Richtung Mexiko oder gar nach Hawaii. Dort treffen sie auf eine greinende Bügelbrettgitarre. Und aus Ku-Ui-Po ("You know, I love you today, tomorrow - and always!") wird dadurch ein Musikantenstadl-Schlager aus Honolulu.

Nicht, dass die Musik Benni Hemm Hemms eine ironische oder gar ironisch gebrochene wäre. Heiter allerdings bleibt sie bei allem inhaltlich gebotenen Ernst, etwa im Beziehungsdrama Fight, allemal. Bei einem weiteren, vom jungen Meister gewohnt mit kräftiger Bruststimme vorgetragenen Lied allerdings übertreibt es der Gute etwas. I Can Love You In A Wheelchair, Baby mag vielleicht als soulige Hommage an das große US-amerikanische Songwriter-Kind Jonathan Richman durchgehen. Wirklich nötig wäre dieser Schabernack auf einer sonst durch und durch großartigen ersten Arbeit im Langformat nicht gewesen. (Christian Schachinger / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.8.2006)

  • "Benni Hemm Hemm" (Morr /Soul Seduction)
    foto: morr

    "Benni Hemm Hemm" (Morr /Soul Seduction)

  • Artikelbild
    foto: morr
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