Leng an der Leine

22. April 2007, 15:20
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Ein Urlaub an der norwegischen Küste ist nicht nur für Angler das Richtige

Was für ein Morgen im Regenloch Europas: Kein Wölkchen fleckt den durchsichtig blauen Himmel, ein leiser Wind kräuselt die Wellen, Finken schlagen, Schwalben jagen, und die Sonne bereitet sich offenbar wieder auf einen langen Einsatz vor. Auf der Insel Boemlo, 100 Kilometer südlich von Bergen, einer der niederschlagreichsten Regionen des Kontinents.

Auf der Terrasse wartet das Frühstück, ein geschmackvoller Gruß des Landes an seine Gäste: zarter Räucherlachs, Krabben mit einem Spritzer Zitrone, nussig-süßer Jarlsberg-Käse und Moltebeermarmelade mit ihrer fremden, arktischen Süße. Das Frühstücksfernsehen liefern die Möwen: Unten in der Bucht balgen sie sich über dem runden Käfig mit Zuchtfischen und kläffen dabei wie Hunde, blöken wie Schafe und maunzen wie Katzen. Besser können Tage nicht beginnen.

Ein Ferienhaus zu buchen, ist wie ein Blinddate: Antipathie vom ersten Moment an, die Liebe fürs Leben oder auch höfliches Übereinkommen, die vorgesehene Zeit zusammen abzusitzen - alles ist möglich. Das Haus auf Boemlo hat das Zeug zu einer handfesten Beziehung: Klein und weiß hockt es in einem verwilderten Garten, verwinkelt sein Innenleben, perfekt eingerichtet die Küche, und im Wohnzimmer stapelt sich der Reisekitsch von Jahrzehnten.

Bucht von Grutle

Wer ihn angesammelt hat, lässt sich nicht mehr feststellen. Aus einem einstigen Daheim wurde vor fünf Jahren ein Zuhause auf Zeit, mit großartiger Aussicht auf die Bucht von Grutle und die offene See dahinter, in die Hügelketten aus grauem Fels ragen wie krustige, steinerne Brote auf einem türkisen Wachstuch. Doch nun geht es endlich aufs Wasser. 100 Meter weiter unten wartet das hauseigene Boot. Ruder, Rettungswesten und das Handwerkszeug des Tötens - Angeln, Messer und Pilker, kleine Metallfischchen mit Drillingshaken - eingeladen, wasserdichtes Gummizeug über das dicke Fleece gezogen, und mit leisem Brummen springt der kleine Außenbordmotor an.

Urlaub an der norwegischen Küste ist keine Sache für jedermann und alle Frauen: Wer ihm etwas abgewinnen will, sollte ein wenig naturverrückt sein. Er muss Salzluft mögen, an Sturm und Regen Freude finden und das einfache Leben lieben. Wenn jemand gerne Fisch isst - umso besser. Und wenn er zudem findet, dass der selbstgefangene einfach unvergleichlich schmeckt, ist er hier genau am richtigen Platz.

Die Strömung steht günstig heute morgen. Gemächlich lässt sie das Boot an der Steilwand entlangtreiben. Tang schwappt im ablaufenden Wasser, verführerisch ruckeln die silbernen Pilker zum Grund, eine offenbar verletzte, leichte Beute für hungrige Jäger. Angeln heißt, sich seine Nahrung mit eigenen Händen zu besorgen, und dabei ganz vom Glück und dem eigenen Können abhängig zu sein. Es ist eine der archaischsten Tätigkeiten überhaupt, betrieben als Spiel: Schließlich stehen im Notfall Tortellini mit Käsesauce bereit.

Kräftiger Leng

Von einem Felsen die Schnur ins Wasser zu werfen und einen moosgrünen Küstendorsch herauszuziehen, gelingt in Norwegen fast jedem. Dann aber sind da die Handwerker. Sie studieren Seekarten, tüfteln an ihren Montagen, experimentieren mit natürlichen Ködern und künstlichen Würmern und wagen manchmal die kühne Behauptung: Heute Abend gibt es Schellfisch. Aber jetzt fährt ein Schlag in die Angel, die Spitze biegt sich, ein scharfer Zug, die Schnur beginnt durchs Wasser zu wandern: Ein Biss! Jetzt nur die Schnur straff halten, aber nicht überdehnen, kurbeln, langsam den Fisch hochholen. Endlich, ein weißer Bauch in der blauen Tiefe! Noch mehr Spannung - was wird in ein paar Sekunden auftauchen? Ein bulliger Lump, eine goldgepunktete Scholle, ein Steinbeißer mit seinem abschreckenden Katzenkopf? Noch kann er ausreißen, in einem letzten Akt der Verzweiflung die Schnur sprengen - doch schon ist er am Boot, ein kräftiger Leng, mehr als einen halben Meter lang.

Ein schneller Schlag auf den Kopf, der Schnitt zwischen die Kiemen, das Abendessen ist gesichert. Und die Fischerin strahlt. Aber auch ohne solche Höhepunkte ist der Aufenthalt auf dem Wasser ein Erlebnis: Sich stundenlang treiben zu lassen, den Abstufungen von Blau im Meer zuzusehen oder den Spielen des Windes auf dem Wasser. Mal ist sie spiegelblank, die See, mal wirft sie Myriaden silberner Schuppen, als wäre sie selbst ein Fisch, dann wieder weiße Schaumkronen, so dass man gerne zwischen die Inseln flüchtet.

Schweinswale tauchen prustend aus den Wellen, Möwen verjagen einen Seeadler, Strandläufer protestieren gellend, wenn die wiederum ihren Nestern zu nahe kommen. Auch abseits des Wassers ist Boemlo schön. Eine Insel von 35 Kilometer Länge, bis zu zwölf Kilometer Breite und 11.000 Einwohnern, so etwas wie Norwegen im Kleinen: Gewundene Sträßchen ziehen sich zwischen Mischwäldern und penibel aufgeräumten Bauernhöfen dahin, in schwarzen Sumpftümpeln spiegeln sich weiße Wollgrasflocken, im Süden erstrecken sich rollende Hügelketten aus grauem Fels mit schütterem Grün, eine Mondlandschaft, auf der sich erstes Leben regt.

Wunsch nach Konsum

Irgendwann jedoch wächst der Wunsch nach Konsum und Kultur. Svortland ist so etwas wie die Hauptstadt der Insel, einer jener norwegischen Orte, die auch im Sommer eine gewisse Trostlosigkeit nicht verbergen können: Sportgeschäft, Eisenwarenladen, Supermärkte und Cafés sind schmuck- und gesichtlos nebeneinander gewürfelt. Auch Ausflüge nach Bergen oder Stavanger wären machbar, weniger aufwendig aber ist ein Besuch im nahen Haugesund.

Da Norweger generell dazu neigen, ihre Städte mit Skulpturen vollzustellen, wollten sich auch die Väter von Haugesund nicht lumpen lassen: Wölfe, Luchse und Bären säumen die Fußgängerzone, Seeleute recken entschlossen ihr Kinn dem Meer entgegen, und am Hafen lümmelt, ein wenig lasziv, Marilyn Monroe auf einem Stein - ihr Vater war Bäcker im Ort.

Ansonsten hübscht man die Fassaden der reichen Kontore an der Uferpromenade weiter auf, Souvenirverkäufer warten geduldig, dass endlich norwegenselige Touristen ihren Bedarf an Elchen und Trollen in Stein, Holz und Plastik decken, aber die kommen erst später, und auch das Dokke-Museum, in dem sich alles um Arbeit und Leben der Heringsfischer dreht, hat noch geschlossen.

Doch auf Boemlo wartet ein anderes Leben, da können die Reize einer Stadt nicht mithalten. Im Haus hat sich mittlerweile aus dem Chaos der ersten Tage eine neue Ordnung entwickelt. Die Dinge haben ihren Platz gefunden, die Bewohner ihre Ruhe. Gelassenheit kehrt ein, das Gefühl, noch so etwas wie ein Gemüt zu haben. Es ist hell, wenn man spät nachts einschläft, hell beim Erwachen in der Frühe - keine passende Gelegenheit für Kerzen. Manchmal überschüttet der Mond die Felsen mit honigfarbenem Licht, dann wieder fällt Nebel ein und verwischt alle Konturen. Selbst die Möwen werden still und gestatten sich nur gelegentlich ein Husten: Hallo, wir sind noch da! Eine Frau macht sich an ihren Bücherstapel, ein Mann ist froh, ihm entkommen zu sein. Immerhin: Jonny Halbergs "Über alle Ufer" passt gut ans Meer und erinnert daran, dass auch in der landschaftlichen Idylle Norwegens Menschen mit Macken und Neurosen leben. Dass der Nachbar, der seinen Bootsschuppen repariert, keine Miene verzieht, wenn man ihn grüßt, fügt sich ins Bild.

Der Fisch

Und dann ist da natürlich der Fisch. Will geräuchert, gekocht und gebraten werden. Verlangt nach thailändischer, indischer oder norwegischer Zubereitung. Fordert immer wieder neu Phantasie und Experimentierfreude: Schließlich soll jeder Abend zum kulinarischen Fest werden.

Eines Morgens liegen plötzlich zwei rote Schiffe in der Bucht. Sie nehmen den Käfig mit Jungfischen an die Leine und schleppen ihn aufs Meer. Vollkommen ratlos segeln die Möwen durch den Himmel. Vorbei das vielstimmige Konzert der letzten Tage, nur ab und zu ertönt ein enttäuschtes Gurren. Verzweiflung bei Möwen, zwei Dorsche an einer Angel, ein Knoten, der nicht hält - solcher Art sind hier die Sensationen. (Franz Lerchenmüller, Der Standard/rondo/18/08/2006)

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