Der logische Weg

23. August 2006, 15:27
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In den Wein-Regalen der derzeit boomenden Bio-Märkte tauchen durchwegs auch sehr bekannte Namen auf. Nicht alle Weingüter deklarieren biologische Arbeitsweisen

Bio ist schick: Eigene Biomarken konnten sich in den letzten zehn Jahren in den großen Supermarktketten etablieren, auch die höheren Preise sind akzeptiert. Das trifft aber vor allem auf den Lebensmittelbereich zu, wo das Angebot hierzulande der Nachfrage deutlich hinterherhinkt. Seit kurzem kommt auch kaum ein Lebensmitteldiskonter mehr ohne eigene Bio-Linie aus. Auch die Weinregale in diesen Läden sind wohl gefüllt. Im Weinbau tickten die Uhren allerdings deutlich langsamer: Wurden biologisch arbeitende Winzer vor vier, fünf, sechs Jahren oft pauschal als Spinner abgetan, stieg die Reputation in dem Ausmaß, in dem Weine dieser Art im Konzert der „konventionell erzeugten“ Weine Erfolge feierten. Und das überzeugte.

Bio bei Wein ist noch immer weit davon entfernt, wie bei Lebensmittel als Kaufargument zu dienen, wird aber heute wenigstens als erfreulicher Zusatznutzen wahrgenommen: Das Käufer-Gewissen ist beruhigt, weil ja – so zumindest die Wahrnehmung - ein chemie- und technologiefreies Produkt erstanden wurde. Das ist aber etwas differenzierter zu sehen, denn ganz ohne geht es auch im Bio-Weinbau nicht. Dass bei einer Sache Chemie und Technik im Spiel sein sollen, die man Interessierten unabhängig von tatsächlicher Qualität und Herstellungsweise immer als „natürlich“ und „traditionell“ präsentiert wird einfach negiert – und auf Bio-Wein trifft das schon gar nicht zu.

"Gut" und "böse"

Wein, ob jetzt bio oder normal, ist in der allgemeinen Wahrnehmung ein „natürliches Produkt“, ein Begriff, der in letzter Zeit in der „Kunstwein“- und „Coca-Colaisierung“-Debatte wieder und wieder strapaziert wurde. Gleichzeitig ist der Rebstock eine der am stärksten „manipulierten“ Pflanzen überhaupt, und die „Weinwerdung“ bietet unzählige Möglichkeiten für Eingriffe im Weingarten wie im -keller: In beiden Bereichen gibt es „gute“ und „böse“ Methoden, wobei die Unterscheidung in der Außen-Wahrnehmung getroffen wird und nicht immer logisch-rationalen Argumenten folgt. Schwefel und Kupfer sind beispielsweise zwei unverzichtbare Elemente, deren Verwendung man den Bio-Winzern mit Hingabe vorwirft: Aber Schwefel desinfiziert und bindet Sauerstoff und noch so einiges anderes, das man nicht unbedingt im Wein haben möchte – und das war bereits den Römern bekannt und wurde seither auch verwendet. Und Kupfer ist noch immer das einzig wirksame Mittel gegen falschen Mehltau trotz intensiver, aber bis dato erfolgloser Suche nach Ersatz.

In den Regalen der derzeit boomenden Bio-Märkte tauchen durchwegs auch sehr bekannte Namen auf. Nicht alle Weingüter deklarieren biologische Arbeitsweisen - mit dem Argument, dass man einfach überzeugt sei, das Beste zu tun, und es nicht für notwendig hielte, daraus eine große Sache zu machen. Biodynamik ist dabei nur eine von mehreren möglichen Bio-Arbeitsweisen, die alle darauf abzielen, die Bodenqualität zu verbessern, Leben im Boden anzuregen, wovon wieder der Rebstock profitiert. Dabei soll die Pflanze mit Hilfe verschiedenartiger, aber immer natürlicher Mittel gestärkt werden, damit sie mit Stresssituationen (Trockenheit, Feuchtigkeit, Pilzbefall etc.) besser fertig wird, im Großen und Ganzen ein Ansatz, der aus der Homöopathie bekannt ist. Welche Mittel dabei zum Einsatz kommen ist abhängig von der Philosophie und den Richtlinien der jeweiligen Bio-Verbände, denen man sich als bio-williger Winzer durch den Vereinsbeitritt unterwirft und deren Einhaltung auch kontrolliert wird. Nach einer Umstellungsphase von etwa drei Jahren kann sich das Weingut vom jeweiligen Verband zertifizieren lassen, und hat dann das Recht, das auch in Form eines Logos auf dem Etikett zu deklarieren.

Biologische Arbeitsweisen

In Österreich sind die Bio-Verbände unter dem Dachverband Bio-Austria zusammengefasst. Basis aller Bio-Bewirtschaftung, egal ob Landbau oder Weinbau, ist die EU-Verordnung 2092/91 (Download), die 1992 in Kraft trat und mittlerweile in der 60. Fassung existiert. Die Bewirtschaftungs-Richtlinien von Verbänden wie Bio Ernte Austria oder Demeter, um einmal die zwei bekanntesten zu nennen, sind dabei durchwegs strenger als sie in der EU-Bioverordnung vorgesehen. Biologische Arbeitsweisen im Weingarten bedeutet im Grunde genommen, dass man auf Kunstdünger und chemisch-systemische Herbi- und Fungizide verzichtet. Zur Pilzbekämpfung (alle Arten von Mehltau z.B.) werden Kupfer und Schwefel eingesetzt. Vor allem Kupfer ist umstritten, da es sich als Schwermetall im Boden anreichert. Allerdings seien die Dosen weit geringer, als man gemeinhin annimmt und lägen weit unter den erlaubten Grenzwertenwerten, wird von biologisch arbeitenden Winzern argumentiert.

Nicht alle wählen den Weg der Zertifizierung und geraten dabei meist stark unter Beschuss. Der Konsument werde verunsichert, es sei ein reiner Modegag und geschehe ausschließlich aus Marketing-Gründen, sind häufige Vorwürfe von Seiten der Bio-Offiziellen, wobei vor allem das letzte Argument angesichts des deutlich höheren Arbeitsaufwandes im Bio-Weinbau nicht ganz nachvollziehbar ist. Auch die Kosten sind kein Argument, dass das, was man sich an Spritzmittel erspart, durch die viel aufwändigere Weingartenarbeit ausgeglichen werde.

Biodynamik

Zu spüren bekam dies eine Gruppe aus der Oberliga der österreichischen Weinwirtschaft quer durch alle Weinbaugebiete, die sich auf Initiative des Langenloiser Winzers Fred Loimer und mit Hilfe des US-Spezialisten Andrew Lorand mit biodynamischem Weinbau befassen. „Wir wollen bessere Trauben. Und wir hatten das Gefühl, dass uns konventionelles Wirtschaften nicht mehr weiterbringt. Die Biodynamik ist eine ganzheitliche Methode, die sehr standortbezogen ist, und die uns geeignet erscheint, unsere Ziele zu erreichen“, so Loimer in einem Interview im Frühsommer dieses Jahres. Beim Demeter-Verband und unter einigen seiner Mitglieder herrschte zu Beginn große Skepsis gegenüber den neuen Interessenten, wobei die Angst vor einem Skandal, der die gesamte Bewegung in Verruf bringen könnte, verständlich ist. Auch fehlte den Kunden die Qualitätsgarantie, wenn man sich nicht zertifizieren lasse, wurde argumentiert. Schlussendlich fand man doch eine Gesprächsbasis. Und bis Ende des Jahres werden, alle Betriebe dieser Gruppe um Lorand ganz offiziell „Umstellungsbetriebe“ bei Bio-Ernte sein, so Loimer abschließend.

Zwei Verbände sind für Bio-Weinbau in Österreich relevant: „Bio Veritas“ gehört zum Bio Austria und repräsentiert die biologisch-organische „Fraktion“, während Demeter, der Partner bei Bio Austria und der einzige weltweit agierende Bio-Verband ist, für die biologisch-dynamische Philosophie steht und sich das strengste Regelwerk auferlegt hat. Während In Bio Veritas bereits seit mehreren Jahren Weinbau-Richtlinien für seine Mitglieder erlassen hat, stammen die Demeter-Weinbauvorgaben aus dem April 2006: Darin werden in einer Positivliste – alles nicht Erwähnte ist verboten - unter anderem Methoden und Zusätze im Weinkeller geregelt (Downloads). Nicht einmal erwähnt wird aber der umstrittene Zusatz von Enzymen, Eiweißstoffe, die als Katalysatoren wirken und beispielsweise zur Mostvorklärung oder zum Aufbrechen bestimmter Aromaverbindungen eingesetzt werden.

Bevorzugte Regionen

Natürlich gibt es Regionen, die es klimatisch bedingt, einfach leichter haben: Je trockener und/oder windreicher das Gebiet, desto geringer ist der Druck von Pilzerkrankungen. Italien ist das Land, das mit fast sechs Prozent den größten Anteil an biologisch bewirtschafteten Rebflächen hat, gefolgt von Deutschland und Spanien (www.organic-europe.net). Es ist auch nicht verwunderlich, dass manche begünstige Länder wie Chile, wo die klimatischen und bodentechnischen Bedingungen (keine Reblaus) geradezu ideal für biologischen Weinbau sind, die Bio-Strategie flächendeckend überlegen. Große Weingüter wie Seña von Eduardo Chadwick sind hochoffizielle „Umstellungsbetriebe“ auf biodynamischen Weinbau (vgl. Interview mit Raúl Baummann, Weingarten-Chef bei Sena). Warum auf etwas verzichten, dass der Weinqualität gut tut und vielleicht in näherer Zukunft marketingmäßig interessant sein wird, argumentieren mehrere Weinmacher. Das Elsass ist geradezu eine Hochburg der Biodynamiker (Zind-Humbrecht, Marc Kreydenweiss, André Ostertag z.B.) ebenso die Rhône (Chapoutier) oder die Burgund (Domain de la Romanée Conti z.B.) und auch die Loire (Nicolas Joly, Didier Dageneau). Auch der kalifornische Großbetrieb Fetzer führt eine eigene „organische Linie“ Bonterra Vinyards, wo die Weingärten bereits seit Mitte der 80er Jahre biologisch bewirtschaftet werden.

Dass die Auswirkungen von Bio-Umstellungen der Arbeitsweise nicht in der Sekunde schlagend werden, ist angesichts von biologischen Zyklen logisch. Auch werden sich die wenigsten Weine geschmacklich völlig von konventionell erzeugten abheben, weil es natürlich auch im Bio-Weinbau so etwas wie eine Qualitätspyramide gibt, deren Spitze klein ist. Dass Zusammensetzung und Menge einiger Weininhaltsstoffe deutlich anders ist, wird immer wieder in Studienreihen gezeigt. Die Idee Bio im Weinbau wird sich möglicherweise auf lange Sicht bezahlt machen: Angesichts des Trends zum authentischeren Produkt und der Aufspaltung in – grob gesagt – immer einheitlicher schmeckende Industrieweine mit den dementsprechenden Produktionsmethoden und in handwerklich gefertigte Erzeugnisse, die als „Zusatznutzen“ auch Herkunft widerspiegeln, scheint der Weg über verbesserte Bodenstrukturen in jedem Fall der logischere zu sein. Die namhafte und vor allem hoch dekorierte (internationale) Gesellschaft lässt jedenfalls den Schluss zu. (Luzia Schrampf)

  • Das Bio-Weingut Geyerhof.
    foto: www.geyerhof.at

    Das Bio-Weingut Geyerhof.

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