Fernsehgespräche - Von Peter Filzmaier

2. Oktober 2006, 13:08
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A unterhält sich eine Stunde lang mit B, wobei A Fragen stellt und B mehr oder weniger darauf eingeht

Am Freitag geht es los mit den ORF-Sommergesprächen. A unterhält sich eine Stunde lang mit B, wobei A Fragen stellt und B mehr oder weniger darauf eingeht. Naive Analysen beschäftigen sich im Anschluss damit, wie das Gespräch zwischen A und B verlaufen ist. Was für ein Unsinn.

Nur C zählt

Denn es gibt ein C, und nur das zählt. Sowohl A als auch B wollen keinesfalls ihr Gegenüber beeindrucken, sondern bloß beim Publikum Eindruck schinden. Ihnen darf man keinen Vorwurf machen: A hat am Wahltag nur eine Stimme. B auch. C dagegen in Summe sechs Millionen. A und B tun daher nur so, als würden sie miteinander reden.

Das Problem ist, dass eine Direktansprache von C sowohl A als auch B in der Nachberichterstattung üblicherweise übel genommen wird. Daher gilt es, A vordergründig zuzuhören und fallweise sogar zu antworten bzw. scheinbar von B etwas erfahren zu wollen, und trotzdem in Wahrheit mit C zu kommunizieren.

Interessenparallelität

Noch komplizierter wird es, weil zwischen A und B keine Interessenparallelität aufkommen darf. Ist C von A begeistert, geschieht das meistens, weil B in die Ecke gedrängt wurde, Parteigeheimnisse verraten hat und/oder Skandälchen lieferte. Verlässt umgekehrt B in Triumphpose das Studio, wird im ganzen Land über A's Anti-Talent diskutiert, richtige und wichtige Fragen zu stellen.

(Medien-)Realität

Was das Ganze für beide Seiten trotzdem wertvoll macht? Es ist eine der seltenen Möglichkeiten, in Echtzeit 1:1 eine (Medien-)Realität zu schaffen. In fast allen Interviewsituationen des Fernsehens - und in jenen der Tageszeitungen erst recht - entsteht eine Wirklichkeit, die sich anschließend auf Wanderschaft begibt.

Was in den Abendnachrichten gesendet oder auf den Politikseiten der Zeitungen zu lesen ist, hat mit einem Gespräch zwischen A und B wenig zu tun. Oder gar nichts, falls ein Ressortleiter oder Chefredakteur andere Themen für vorrangig hält. Außer Spesen sind keine Minute und kein Buchstabe gewesen. Zumindest jedoch wird Umfang und Platzierung des Interviews fremdbestimmt. Dann wird geschnitten und geschnipselt.

Viel schlimmer noch als ein verfälschter Zitatauszug ist jedoch seine redaktionelle "Einbettung". Vor Kurzem dachte B - flankiert von chronikalen Schwerverbrechen - laut über das Ende lebenslanger Haftstrafen nach. In Live-Situationen kann das nicht passieren. Es gibt auch keinen Moderator, der eine von A gestaltete B-Geschichte zu Tode an- oder absagen kann.

Pervertierte Gesprächssituation

Für A und B gibt es also einen Grund, die Sommergespräche zu mögen. Für berufsmäßige Beobachter auch. Doch was ist mit C? Mit politischer Informationsvermittlung und/oder Demokratie steht eine derart pervertierte Gesprächssituation kaum in Zusammenhang. C darf weder fragen noch antworten.

Erwartungen

Trotzdem muss das Ganze irgendwie seinen Erwartungen entsprechen. Wenn A und B niemand zusehen will, würden nicht fünf solcher Gespräche gesendet werden. Das Spannungsmoment gleicht dem eines Formel-1-Rennens. Die meiste Zeit fahren A und B im Kreis, ohne dass etwas Nennenswertes passiert. Vergleichbar mit dem Riesencrash im Autokarussell gibt es jedoch eine Mini-Chance, dass B über A herfällt.

Oder umgekehrt und gegenseitig. In Brasilien ist das einmal mit Ohrfeigen und Fußtritten geschehen. Live und in Farbe. Allerdings zwischen B1 und B2, die mit A ein Studio teilten. Sollten die Sommergespräche langweilig sein, können wir demnach immer noch auf die Wahldiskussionen hoffen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.8.2006)

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