Hundert Filme Einsamkeit

15. August 2006, 19:12
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Rückblick auf das Filmfest: Befindlichkeitsstudien quer durch alle Programmschienen - Komödien waren rar gesät

Locarno - Frauen, die ihre unerwiderten Gefühle in kleinen Bosheiten kanalisieren, Männer, die ihre Einsamkeit auf fragwürdige "Rettungsmaßnahmen" projizieren. Ganze Familien, die sich einer großen Lügengeschichte unterwerfen, damit nur ja die realen Verhältnisse das erwartete Idyll nicht stören.

Es mag an den Präferenzen der Auswahlgremien liegen oder tatsächlich ein dominantes Thema des zeitgenössischen jungen Autorenkinos, der Generation der plus/minus Vierzigjährigen, sein: Jedenfalls begegnete man in Locarno heuer quer durch die Programmschienen auffallend vielen Filmen, die von Kommunikationsschwierigkeiten, von Sprachlosigkeit und Einsamkeit handeln - Komödien waren rar gesät, der große Melancholiker Aki Kaurismäki, dem die Retrospektive gewidmet war, wirkte wie ein verschmitzter Pate des Geschehens auf den Leinwänden.

Befindlichkeitsstudien

Das Vorherrschen solcher Studien zwischenmenschlichen oder individuellen Gefangenseins in lastenden Situationen erlaubte umgekehrt den Vergleich, wie man sich dieser selbst verordneten Aufgabe stellte: von angestrengter (oft schon unfreiwillig komischer) Überspanntheit bis hin zu tatsächlich sprechender Stille, von konstruiert wirkenden Konstellationen bis zu stimmig gezeichneten Milieus; da und dort mit deutlichem Formwillen, in vielen Fällen wohl auch angepasst an die Bedürfnisse der Geldgeber von den Fernsehanstalten.

Dabei konnte das gelungene Ergebnis so beiläufig aussehen (und so nachhaltig wirken) wie L'année suivante von Isabelle Czajka, der mit dem Preis für das beste Debüt ausgezeichnet wurde: Der Film lässt seine Heldin ein entscheidendes Lebensjahr Revue passieren. Als Sechzehnjährige setzt sie nach dem Tod des Vaters scheinbar ganz normal ihr Leben fort - vor allem die sich erinnernde Off-Stimme markiert jene Traurigkeit, für die sich in der unmittelbaren, alltäglichen Gegenwart des Verlusts kein rechter Ausdruck finden lässt.

Am Rande von Paris, bei Fahrten durch die Peripherie, durch aufgeräumte Gewerbegebiete und Brachen inszeniert Czajka jene anonymen Transiträume, die dem Film und seiner Heldin einen adäquaten Rahmen bieten. Von einem Sommer zum nächsten erzählt L'année suivante so eine Geschichte vom Erwachsenwerden - ganz nah an konkreten Problemen mit Schule, Berufswahl oder mit der Mutter, doch stets ein wenig von jener Entrücktheit geprägt, die die stille Trauer produziert.

Eine verwandte Befindlichkeit, einen ebenso lange gut verborgenen Rückzug beschreibt der US-Regisseur Ryan Fleck im ebenfalls prämierten Half Nelson - so vermeintlich leicht, traumwandlerisch sicher, emphatisch und verführerisch, wie es das US-amerikanische Kino nur zu bewerkstelligen versteht: Ein junger, engagierter High-school-Lehrer verliert langsam den Halt, das Verhältnis zwischen Erzieher und Schutzbefohlenen muss sich erst verkehren, damit so etwas wie Rettung möglich scheint.

Auch der große Gewinner des Festivals, Andrea Stakas Das Fräulein, kreist um das heimliche Generalthema des Festivals. Der Film handelt von drei Frauen aus dem ehemaligen Jugoslawien, die einander in Zürich begegnen: Ruza, das "Fräulein", hat sich als Betreiberin einer Kantine eine Existenz aufgebaut, führt ein rigides Leben, in dem Emotionen als Störfaktor gelten. Das setzt der Film allerdings mehr, als dass er es wirklich entwickeln würde. Und bald tritt ohnehin die junge ungestüme Ana auf den Plan, und eine Geburtstagsfeier später erwachen die Gefühle zu neuem Leben.

Das ist stellenweise mitreißend, nicht zuletzt auch dank des Darstellerinnenensembles, hinterlässt aber doch auch den Nachgeschmack von Arthouse-Concept-Kino. Zu kalkuliert erscheinen von Anfang an die Fingerzeige, zu wenig Raum bleibt für ein Mitvollziehen existenzieller Nöte, die keine volle Kasse heilt. (Isabella Reicher/DER STANDARD, Printausgabe, 16.8.2006)

  • Wo kein Konsumwunsch offen bleibt, wächst doch die Traurigkeit: "L'année suivante" von Isabelle Czajka.
    foto: festival

    Wo kein Konsumwunsch offen bleibt, wächst doch die Traurigkeit: "L'année suivante" von Isabelle Czajka.

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