Die Wahlempfehlung

23. August 2006, 09:29
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G. will diesmal anders wählen: weil er Mitleid hat - an Inhalte oder Personen glaubt er schon lange nicht mehr

Er habe, sagte G. , eine neue politische Wahlentscheidungshilfekategorie gefunden: Mitleid – denn an Inhalte oder Personen glaube er schon längst nicht mehr.

Es war vorgestern. Da hat uns G. dann wirklich überrascht. Weil wir ihm eigentlich einiges zugetraut hätten – aber nicht geglaubt hätten, dass, sein Wahlverhalten über Mitleidsreflexe gesteuert wird. Und schon gar nicht, dass jemand wie G. das offen zugeben würde.

G. hat nämlich angekündigt, diesmal anders zu wählen. Zum ersten Mal. Weil er bisher – mit marginalen Ausnahmen – sein Kreuzerl immer der gleichen Partei geschenkt hatte. Und sich darüber gewundert hatte, dass ihm – als Bewohner unseres Alters-, Bildungs- und Einkommensaquariums – seit er stimmberechtigt ist, ständig nachgesagt wurde, zu einer Klientel kritischer, selbstständig denkender und mobiler Wähler zu gehören, die ihre Entscheidung von Wahl zu Wahl träfe. Bewusst und aktuell und sehr überlegt.

Alternativenmangel

Kritisch und denkend und all das Zeug, sagt G., habe er ja er gerne als Etikett akzeptiert – aber das mit der Wahl-zu-Wahl-Entscheidung sei ihm immer ein Rätsel gewesen: Die meisten seiner Bekannten, hätten mit 19 kaum anders gewählt als jetzt – und auch das nicht aus Überzeugung, sondern aus Mangel an akzeptablen Alternativen. Er und sein Umfeld, so G., hätten doch nur versucht, das geringste Übel zu eruieren – oder zumindest danach getrachtet, nur jenen Gaukler und Scharlatane zu belohnen, deren Possen den geringsten schalen Beigeschmack gehabt und deren Schleimerei am wenigsten Brechreiz hervorgerufen hätten.

Aber nun, hatte G. da unlängst verkündet, habe er eine neue Wahlentscheidungs-Kategorie entdeckt: Mitleid. Und deswegen werde er diesmal voraussichtlich die SPÖ wählen.

Aufruhr

Der dieser Verkündung folgende Aufruhr der deklarierten Parteigänger am Tisch war beträchtlich gewesen: Die Fraktion der routinierten Genossen waren empört, die Kanzler-Apologeten belustigt und der grüne Rest beunruhigt – und alle fanden, dass G.s Ansage nicht nachvollziehbar sei. Bis G. dann erklärte.

Es gehe, meinte er, um die Bawag. Denn auch wenn es 1001 Gründe gäbe, die SPÖ nicht zu wählen, wäre das doch bei jeder anderen Partei ja genauso – aber die Bawag-Sache, so G., gehöre der SPÖ. Und koste sie Stimmen. Und das sei unfair: Weil man der SPÖ zwar einiges vorhalten und -werfen könne (und da durchaus auch ihre Beziehung zur Gewerkschaft im Allgemeinen und deren konsequentes Ignorieren einer ganzen Generation von – aus Funktionärsdenkart und – Perspektive – angeblich atypisch werkenden Menschen im Besonderen dazugehöre). Aber für die Bawag-Kiste könne die Sozialdemokratie nun wirklich echt gar nix. Und in Ermangelung ...

Floskelschlägerei

Was G. dann noch sagte, ging im Tumult unter: Man fand ihn lächerlich, naiv, zu gutgläubig, schlicht dumm oder aber kurzsichtig. Weil die Welt und die Politik – und damit unsere Wahlentscheidungsfindung – doch viel komplexer funktioniere. Weil ... – aber da kam dann nix mehr. Weil ab diesem Punkt dann alle Deklarierten und selbst parteipolitisch Engagierten auf die ihnen aus internen Argumentationsnewslettern, nichtexistenten Warrooms, Parteizentralen und Kommunikationsstabstellen mit auf den Weg in die Echtwelt gegebenen, authentischen und immer gleichen Stehsätze einschwenkten. Sie verstrickten sich in eine öde Floskelschlägerei. Das Interesse der Umgebung erlahmte, das Gespräch versandete.

Später aber, die Gruppe die Parteigänger war weggebrochen, kam das Thema dann doch wieder auf G.s Entscheidungshilfe zurück: Wahnsinnig sei er, hieß es. So wie er dürfe und könne man doch nicht reden. Nicht in diesen, unseren angeblich halbwegs intelligent und bewusst denkenden Kreisen. Schließlich wären wir doch die immer noch jungen, angeblich kritischen und selbständig denkenden, ergo mobilen Wähler. Dieses Stigma verpflichte. Zumindest dazu, den Schein zu wahren: G.s Argumentations- und Gedankengang seien ja ungeachtet des Ergebnisses gar nicht so falsch – aber öffentlich zuzugeben, welche banal-kindischen Beweggründe die Wahl des geringsten Übels dann tatsächlich entscheiden würden, wäre dann doch ziemlich deprimierend.

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