Groß, größer, Singapur

22. August 2006, 21:02
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In Alpbach werden Wissenschafter aus Singapur erwartet, die einen Einblick in ihre Arbeit geben wollen - DER STANDARD holte sich schon zuvor einen Eindruck

In Alpbach werden Wissenschafter aus Singapur erwartet, die einen Einblick in ihre Arbeit geben wollen. DER STANDARD holte sich schon zuvor einen Eindruck vom Bemühen einer Forscherszene, einen Spitzenstatus zu erreichen. Sicher ist eines: In Südostasien wird geklotzt.

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Als ein Beschluss des US-Kongresses, die Forschung an embryonalen Stammzellen mit Bundesmitteln zu fördern, Ende Juli durch ein Veto von Präsident George W. Bush gekippt wurde, kam auf der gegenüber liegenden Seite des Globus Freude auf. Über das Magazin Time ließ Philip Yeo, der umtriebige Chef des Singapurer Forschungsnetzwerks A*STAR, den Stammzellforschern ausrichten: "Kommt nach Singapur und bringt eure Arbeit hier zu Ende!"

Nahezu gleichzeitig sorgte eine Mitteilung einer in Singapur ansässigen Biotechfirma namens ESI für Aufsehen: Erstmals liegen Stammzelllinien in einer Qualität vor, die höchsten klinischen Sicherheitskriterien genügt. Zellproben werden interessierten Forschern weltweit gerne zur Verfügung gestellt. Finanziert ist das Projekt zum guten Teil durch eine Diabetesstiftung in den USA.

Nur wenige Wochen zuvor hatte der südostasiatische Stadtstaat mit der Ankündigung aufhorchen lassen, dass die Forschungsausgaben bis 2010 verdoppelt werden. Ein Teil davon ist für ein neues Prestigeprojekt reserviert. In Partnerschaft mit dem Massachusetts Institute of Technology wird ein Institut hochgezogen, an dem bald 400 Wissenschafter und Ingenieure forschen sollen. Kann sich Singapur, wie Nature argwöhnt, "mit Forschungsgeld Weltstatus erkaufen"? Oder ist der brachiale Aufholversuch zum Scheitern verurteilt?

Ahnung vom Aufbruch

Durchreisende kriegen eine Ahnung von dem Aufbruch, wenn sie auf die unweit von Raffles Hotel und Waterfront gelegene Singapore Management University stoßen, wo zwischen Designermobiliar und neuester Technologie die Elite von morgen ausgebildet wird. Eine halbe Stunde vom Zentrum entfernt sind die Nationaluniversität und die Nanyang Technische Universität, die zu den führenden fünfzig Hochschulen der Welt zählen.

In deren Nachbarschaft liegt der Biotechnologie-Campus Biopolis. In sieben Gebäuden, die futuristische Namen wie Proteos, Chromos oder Helios tragen, wird auf 185 000 Quadratmetern geforscht, während auf Baustellen rings herum bereits weitere Labor- und Büroflächen entstehen. Ein Abstecher nach Biopolis zählt zum Programm für Staatsbesuche.

"Es hat sich viel bewegt", sagt Ed Manser. Als der englische Biologe 1987 nach Singapur kam, war das gerade gegründete Institut für Molekular- und Zellbiologie (IMCB) allein auf weiter Flur. "Wer etwas drauf hatte, ging in die Wirtschaft oder wurde Ingenieur. Naturwissenschaft war etwas für Verlierer und Außenseiter", erinnert sich Manser. Durch Kampagnen der Regierung habe sich ein Imagewandel vollzogen. Den Studenten und Doktoranden, mit denen er heute zu tun hat, attestiert er hohes Niveau.

Neue Impfstoffanlage

Mansers Arbeitsgruppe betreibt Grundlagenforschung, wird aber von GlaxoSmithKline finanziert. Der Pharmakonzern, der gerade den Bau einer Impfstoffanlage in Singapur angekündigt hat, ist seit Kurzem auch mit einer Entwicklungsabteilung am Biopolis angesiedelt. "Wenn Sie in England ein Labor eröffnen, haben Sie die Tierschützer am Hals", klärt Manser über einen der Vorteile Singapurs auf.

Für den Forschungsstandort spricht der für asiatische Verhältnisse rigide Schutz geistigen Eigentums. Ein weiterer Plus ist die liberale Regelung, mit Stammzellen aus bis zu zwei Wochen alten Embryonen arbeiten zu dürfen. Dabei handelt es sich um eines der wenigen Gebiete, auf denen der Stadtstaat wissenschaftlich als Pionier dasteht. Hier gelang es Ariff Bongso, einem aus Sri Lanka stammenden Biologe, 1994 als erstem, menschliche embryonale Stammzellen zu isolieren. Die Regierung hat kürzlich 35 Millionen Euro freigegeben, um die Vernetzung zwischen Stammzellforschern und Firmen wie der von Alan Colman gegründeten ESI zu fördern.

Alan Colman, einer der Väter des Klonschafs Dolly, trägt heuer bereits zum zweiten Mal in Folge bei den Alpbacher Technologiegesprächen vor. Biopolis ist zudem durch David Lane vertreten. Um den britischen Krebsforscher, der 1979 das Protein p53 entdeckte, das in gesunden Zellen die Tumorbildung unterdrückt, hat man sich in Alpbach seit Jahren bemüht. Auch Philip Yeo hatte über Jahre um Lane geworben, bis er sich vor zwei Jahren bereit erklärte, Direktor des IMCB zu werden.

David Lane schwärmt selbst von der Flexibilität, mit der er verhandeln kann, wenn es gilt, Leute zu verpflichten: "Man sucht sich genau aus, wen man holt. Sobald sie hier sind, kriegen sie alle Freiheit." Als erfolgreicher Gründer - seine Firma Cyclacel ist mittlerweile an der Technologiebörse Nasdaq - hat der Brite keine Berührungsängste mit der Industrie, sondern ist für jede Kooperation offen.

Ein Problem der biomedizinischen Forschung sei, dass jeder "das nächste große Ding sucht", aber die Ideen zu früh aus der Grundlagenforschung an die Entwicklungsabteilungen abgegeben werden. Für seine Vorstellungen, wie Wissenschaft wirtschaftlich wird, finde er in Singapur stets ein offenes Ohr, lobt Lane (Interview).

Kritik von der Uni

Kritischere Stimmen sind vereinzelt aus den Universitäten zu hören. Die Grundlagenforschung komme im Masterplan der Regierung zu kurz. Dass die Forschungspolitik überhaupt offen diskutiert wird, ist freilich schon ein gutes Zeichen, denn offene Kritik ist in dem wie ein Unternehmen regierten Stadtstaat immer noch die Ausnahme.

Im Ausland geborene Akademiker wie der an der Nationaluniversität lehrende Kulwant Singh können sich mehr trauen. "Hier hängt man an der Vorstellung, durch gezieltes Eingreifen ein Knotenpunkt werden zu können. Singapur will Luftverkehrsknotenpunkt sein, Medienknotenpunkt oder eben Biotechknotenpunkt." Vor zwanzig Jahren habe sich das in der Festplattenindustrie bewährt, so der indische Wirtschaftsprofessor.

Dagegen haben strategische Investitionen, um in den Neunzigerjahren ein Zentrum der Halbleiterproduktion zu werden, kaum gefruchtet. Die Hoffnungen, sich in Asien als Marktführer von Spitzenmedizin zu etablieren, haben sich durch die Asienkrise zerschlagen. Als Produktionsstandort der Pharmaindustrie habe sich Singapur bewährt.

Daran hätte die Stadt stärker anknüpfen sollen, findet Singh, statt sich als relativer Spätstarter in den globalen Wettbewerb der Biotechnologie zu stürzen. "Da braucht man eine Vielzahl von Projekten, damit am Ende genug dabei sind, die glücken." Der Staat sei aller Erfahrung nach kein geeigneter Wagniskapitalgeber.

Bei aller Skepsis sieht Singh auch positive Zeichen: "Singapur ist gut darin, seine Schwächen durch Kooperationen und Offenheit für Ausländer auszugleichen." Außerdem sei die ethnisch gemischte Bevölkerung aus Chinesen, Indern, Malaien und Europäern für klinische Studien interessant.Warum Chinesen öfter Lungenkrebs kriegen, obwohl sie viel weniger rauchen als Malaien, ist nur eines der Rätsel, die Singapur für seine Forscher bereit hält. (Stefan Löffler/DER STANDARD, Printausgabe, 16. August 2006)

  • Auf 185.000 Quadrat-metern wird in Biopolis geforscht - und rundherum bereits angebaut.
    fotos: der standard/biopolis

    Auf 185.000 Quadrat-metern wird in Biopolis geforscht - und rundherum bereits angebaut.

  • Studienbedingungen vom Feinsten finden Studenten in Singapur vor.
    fotos: der standard/biopolis

    Studienbedingungen vom Feinsten finden Studenten in Singapur vor.

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