Rennen um neue Produkte: Noch ist Österreich schneller

16. August 2006, 08:38
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AVL List, weltweit führend bei Motor- und Antriebstechnologie, ist seit Jahren in China und Indien tätig. Firmenchef Helmut List über die Notwendigkeit der weltweiten Präsenz.

Graz - "Die Chinesen kommen, irgendwann, aber sicher." Diese Ankündigung hallt schon seit geraumer Zeit durch die Welt der Autoindustrie. Noch fertigt die chinesische Autoindustrie - immerhin rund hundert Firmen der unterschiedlichsten Größen und mit unterschiedlichsten technischen Niveaus - noch hauptsächlich für den derzeit sehr hungrigen Heimmarkt. Doch die ersten Wagen tauchten schon auf europäischen Märkten auf. Und die ersten wurden schon mit vernichtenden Urteilen in Sachen Crashsicherheit bedacht. Die westlichen Global Player sind schon seit Jahren über Jointventures in China und machen dort das Auf und Ab des überhitzten Marktes mit. Mit den Weltmarktgrößen kamen auch die Zulieferer und Technologiefirmen. Die Grazer AVL List ist eine davon. "Es gibt nicht viele von den hundert chinesischen Herstellern, denen wir noch keine Rechnung gestellt haben", sagte Firmenchef Helmut List schon vor einiger Zeit im Standard-Gespräch.

Der steirische Hightech-Konzern hat bereits 200 Mitarbeiter in China auf der Payroll. In Indien sind es 150. "Man braucht die Nähe zum Kunden", sagt List, "die Hochtechnologieanteile in den Projekten stammen aber nach wie vor aus Graz. Aber auch das wird sich natürlich ändern."

AVL ist einer der weltweit führenden privaten Entwickler von Motoren und Antriebssystemen, sowie von Motortest-Systemen und arbeitet quasi für die gesamte Industrie. Der Stammsitz der 1948 von Helmut Lists Vater Hans gegründeten Firma ist in Graz, von 3440 Mitarbeitern werken 1990 nicht in Österreich. Der Umsatz betrug zuletzt 507 Millionen Euro, die Forschungsquote rund zehn Prozent davon. 96 Prozent des Umsatzes ist als Export zu qualifizieren.

Das Thema Abgas sei in Ländern wie China und Indien jahrelang als Nebensächlichkeit behandelt worden, jetzt habe sich die Gesetzgebung insofern geändert, dass annähernd so strenge Richtlinien eingeführt wurden wie in Europa. Und hier habe die AVL mit ihrer Erfahrung Chancen. Auch für einen Hightech-Konzern sei es das Um und Auf, so List., "die richtige Arbeitsteilung zwischen Hoch- und Niedriglohnländern durchzuführen. Der Schlüssel ist eine konkurrenzfähige Wertschöpfung".

Mehr als Engineering

Was ein Standort wie Österreich Ländern wie China, aber zum Teil auch noch den neuen EU-Mitgliedsländern, voraus habe, sei das Know-how darüber, wie Innovationen zu marktreifen Produkten mit einem entsprechenden Markenwert gemacht werden können. "Das ist ein sehr komplexer Prozess, der über das reine Engineering hinausgeht, das dauert sehr lange, bis man derartiges im Griff hat", so List.

Es gehe nicht nur um technische Machbarkeiten, sondern auch um Branding. Hinter den global aufgestellten Automobilmarken stecke sehr viel Know-how, auch darüber wie man Technik auf den Markt und auf die Straßen bringt. Sowohl die japanischen wie auch die koreanischen Hersteller hätten jeweils zwanzig Jahre gebraucht, um dies zu entwickeln.

Voraussetzung dafür, dass Österreich die heute existierenden Vorteile "halten und ausbauen" könne, sei eine "qualifizierte Bevölkerung", List plädiert daher für mehr Augenmerk auf die Bildungspolitik, vor allem was naturwissenschaftliche Fächer anbelangt. "Wir bauen unseren Standort in Graz weiter aus und wir nehmen auch laufend Naturwissenschafter und Ingenieure auf." (Leo Szemeliker, DER STANDARD, Print-Ausgaebe, 16.8.2006)

  • AVL-Hauptquartier am Hans-List-Platz in Graz-Eggenberg: Der Motoren- und Antriebsentwicklungskonzern nimmt laufend Naturwissenschafter und Techniker auf.
    foto: avl

    AVL-Hauptquartier am Hans-List-Platz in Graz-Eggenberg: Der Motoren- und Antriebsentwicklungskonzern nimmt laufend Naturwissenschafter und Techniker auf.

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