"Nervenkrieg" um den Küniglberg

17. August 2006, 18:25
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Putschpläne von Rot und Orange, Schwenks der Schwarzen, üppige interne Abrechnungen, Kröten - Psychologische Kriegsführung Stunden vor der Wahl des nächsten ORF-Generals

Das Hearing der Generalsanwärter vor der Belegschaft zeigt der ORF per hausinternem TV-Kanal. Spannender wäre eine andere Übertragung: Parallel zum Hearing trifft sich am Mittwoch der "Freundeskreis" der ÖVP in einem "kulinarischen Anwesen in Wien", um das Stimmverhalten bei der Generalswahl am Donnerstag festzulegen. Das BZÖ versucht das am Vormittag.

Schwenk zu Lorenz

Heftig kursierte am Feiertag das Gerücht, die Volkspartei schwenke von Titelverteidigerin Monika Lindner zu Wolfgang Lorenz, bisher Planungschef der Anstalt. So bekomme das BZÖ die geforderte "Erneuerung an Haupt und Gliedern" im ORF. Mit einem anderen General könnte die Volkspartei mit oranger Hilfe den bürgerlichen Chefredakteur Werner Mück als Infodirektor durchbringen. "Nichts dran", sagt der Sprecher des VP-Freundeskreises, Kurt Bergmann, dem STANDARD: "Ein Nervenkrieg, um Nervosität ins andere Lager zu bringen." Ein BZÖ-Insider: Lorenz wäre ein "idealer Programmdirektor", sein Generalskonzept habe aber "nicht überzeugt".

Einen Rückzug Lindners verneinen Vertraute: Bis weit nach Mitternacht feilten sie an ihrem Eröffnungsstatement fürs Hearing im Stiftungsrat.

Interne Dokumente

Zum "Nervenkrieg" auf dem Küniglberg gehören stets interne Dokumente, die Kandidaten ins schiefe Licht rücken sollen. Der STANDARD erhielt Aufstellungen, wie viel der ORF dem engen Lindner-Vertrauten Günter O. Lebisch für das umstrittene Redesign des ORF und Werbekampagnen gezahlt habe (einen Teil davon zeigt das Faksimile links): rund 1,7 Millionen Euro, mehr als das große Redesign des Grafikstars Neville Brody in den Neunzigern kostete. Lebisch, mit der Summe konfrontiert: "Über das spreche ich jetzt nicht."

Wrabetz-Szenario

Über Finanzdirektor Alexander Wrabetz kursiert folgendes Szenario, damit ihn neben SPÖ, Grünen und FPÖ auch das BZÖ unterstütze: Lindner werde sofort in Pension geschickt statt erst zu Jahreswechsel, Infodirektor Gerhard Draxler auf Urlaub und Sportchef Elmar Oberhauser mit besten Kontakten ins orange Lager vertrete ihn schon während der Wahlberichterstattung. "Alles Unsinn", sagt Wrabetz.

Geht Lindner nicht freiwillig gleich, braucht es eine Zweidrittelmehrheit im Stiftungsrat, um sie abzuberufen. Aber: Traditionell stimmen ORF-Generäle Entscheidungen mit ihrem gewählten Nachfolger ab. Mitarbeiter orientieren sich eher an diesen.

"Die Krot schlucken"

SP-Stiftungsrat Fritz Muliar wiederum verneint die VP-Info, er stimme nicht mit BZÖ und FP für Wrabetz: "Auch wenn es für mich einen eigenartigen Geschmack hat, mit diesen Leuten zu stimmen. Ich werde die Krot schlucken." (Harald Fidler/DER STANDARD, Printausgabe, 16.8.2006)

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    Bürgerliches Match: Lorenz (links) oder Lindner?

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    Interne Abrechnung der Generaldirektorin für ihren Werber: "Bedanke mich für die bisher geleistete Arbeit und verbleibe ..."

  • Damit Finanzdirektor Alexander Wrabetz (Bild) General wird, schluckt SP-Stiftungsrat Muliar "die Krot", mit FP und BZÖ zu stimmen.
    foto: standard/robert newald

    Damit Finanzdirektor Alexander Wrabetz (Bild) General wird, schluckt SP-Stiftungsrat Muliar "die Krot", mit FP und BZÖ zu stimmen.

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