14.8.2006: Zum eigenen Leben stehen

18. August 2006, 19:35
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... Oder es bloß vermarkten? - Ein Kommentar von Caspar Einem zum Bekenntnis von Günter Grass

Welchen Vorwurf soll man gegen einen erheben, der 1944 mit siebzehn zur Waffen SS eingezogen worden ist und ihr das letzte Jahr des zweiten Weltkriegs angehört hat? Gerade wenn man einen offenen und sauberen Umgang mit der Geschichte, der eigenen Geschichte will, dann muss man differenzieren. Ja, es ist richtig, die Dinge offen zu legen. Aber es ist ebenso richtig, nüchtern zu bleiben im Urteil. Und das heißt einerseits zu differenzieren zwischen SS-Einheiten, die in KZ’s Dienst versehen haben und jenen, die letztlich nicht sehr viel anderes waren, als gewöhnliches Militär – neben der Wehrmacht. Und es heißt andererseits zu differenzieren zwischen Jugendlichen, die gerade noch von der Kriegsmaschinerie erfasst wurden – ob mit oder ohne eigene Begeisterung ist dabei zunächst nebensächlich – und jenen, die sich mit vollem Bewusstsein zur SS beworben haben, um den politischen Zielen des Nationalsozialismus zu dienen und dies dann allenfalls auch noch getan haben. So gesehen ist Günter Grass nichts vorzuwerfen.

Man kann sich allerdings fragen, warum er diese Tatsache gerade jetzt ans Licht der Öffentlichkeit gebracht hat. Und warum er es erst jetzt getan hat. Warum jetzt ist oberflächlich mit der Tatsache zu beantworten, dass er eine Autobiografie geschrieben hat, die unmittelbar vor Veröffentlichung steht. Und dort wird auch diese Tatsache berichtet. Und wie die Medienreaktionen zeigen ist Grass auf diese Weise in die Titelzeilen der großen deutschen und österreichischen Tageszeitungen gekommen. Aus Marketinggesichtspunkten nicht schlecht. Und doch bleibt die Frage: Wen interessiert das heute noch? Grass hat mittlerweile 62 Jahre gelebt, sich engagiert, geschrieben und eindeutig Zeugnis abgelegt, wofür er sich einsetzt. Und das führt uns zurück zur Frage: Warum erst jetzt? Denn seinem lebenslangen Engagement hätte das Einbekenntnis dieser Tatsache keinen Abbruch getan. Es hätte geradezu ein Anlass sein können für sein lebenslanges linkes Engagement.

Erst das lässt einen schalen Geschmack zurück, den Eindruck, dass da einer mit einer billigen Scheinsensation Werbung für sein Buch betreibt, dem diese Tatsache mehr sechzig Jahre keine Mitteilung wert gewesen ist. Dass es erst jetzt heraus muss zeigt Grass kleiner, als der Nobelpreisträger und politische Akteur sein sollte. Schade eigentlich.

Fremde Feder ist eine Kolumne auf derStandard.at für KommentatorInnen von außen.
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