"Katastrophe im Zwergenland"

25. August 2006, 19:01
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STANDARD-Debatte: Sozialministerin Haubner und Pflegeombudsmann Vogt über die zukünftige Finanzierung der Pflegebetreuung

Gibt es Modelle zur Sanierung eines drohenden Pflegenotstandes? Sozialministerin Ursula Haubner beschwichtigt, der Wiener Pflegeombudsmann Werner Vogt fordert angesichts düsterer Prognosen neue Strukturen. Das Gespräch moderierte Bert Ehgartner.

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STANDARD: Frau Minister, herrscht in Österreich Pflegenotstand?

Haubner: Das entspricht sicherlich nicht der Realität. Das Pflegegeld hat sich bewährt. Mehr als 300.000 Menschen beziehen es. Da geht es nicht nur darum, neue Angebote auf dem Arbeitsmarkt zu schaffen, sondern auch um den Ausbau neuer Berufe im Bereich der Betreuung, also um mobile Angebote, um Tagespflege und Kurzzeitpflege.

Vogt: Die Angehörigen bei der Pflege in den eigenen vier Wänden zu unterstützen halte ich für richtig und wichtig. Denn das betrifft 80 Prozent aller Pflegefälle. Aber beim Pflegenotstand muss ich widersprechen. Er ist über die Jahrzehnte ständig gewachsen und nicht bewältigt worden. Es gibt eine regelrechte Flucht aus den Pflegeberufen. Das ist ein Beruf geworden, in dem nur noch wenige wirklich zufrieden sind. Viele erleben es als Frust, in einem Bereich zu arbeiten, der so wenig Anerkennung findet, vor allem auch ökonomisch.

STANDARD: Im stationären Bereich gibt es eine extreme Fluktuation und Strukturen, die eine Rückkehr in den Job, beispielsweise nach den Kinderpausen, schwer macht. Was ist hier versäumt worden?

Haubner: Wir wissen von der starken Fluktuation. Und es gibt - je nach Träger dieser Pflegeeinrichtungen - auch eine extrem unterschiedliche Bezahlung. Das muss auf arbeitsrechtlicher Ebene geklärt werden. Wir müssen den Beruf zweifellos aufwerten und damit schon bei den Jungen in der Berufsberatung und -orientierung beginnen Und wir müssen zusehen, dass wir mehr junge Burschen für diesen Beruf interessieren. Die Erfahrung zeigt, dass dort, wo vermehrt Frauen tätig sind - sei es im Erziehungsbereich, sei es im Betreuungsbereich - die Einkommen und Löhne sinken. Hier brauchen wir Männer. Deshalb sollten wir einen Lehrberuf schaffen, der eine ganzheitliche Form der Betreuung anbietet. Dafür ist eine länderweite Vereinheitlichung notwendig. Wer bislang in Wien eine Ausbildung als Altenfachbetreuer hatte, konnte in Oberösterreich nicht arbeiten.

Vogt: Es ist eine Katastrophe, dass es in diesem Zwergenland neun verschiedene Modelle gibt.

Haubner: Zurzeit haben wir ein föderalistisches Pflegesystem. Die Länder sind für den Ausbau und die Qualität der ambulanten und stationären Dienste zuständig und der Bund ausschließlich für das Pflegegeld und die pflegenden Angehörigen. Ich wäre sofort dabei, das zu ändern. Wir haben nun eine Einigung im Parlament geschaffen, und die Länder haben bis 2007 die Möglichkeit, das umzusetzen. Hier appelliere ich wirklich dringend an die Länder.

Vogt: Dass Frauen aus den Berufen flüchten, liegt aber nicht nur an der schlechten Bezahlung. Das ist fast der geringste Grund. Es liegt zum einen an der viel zu großen Belastung, zum anderen an einer katastrophal schlechten Arbeitsorganisation. Es gibt ganz starre Befehlsstrukturen, statt Förderung von Autonomie. Frauen beherrschen andere Frauen noch viel stärker, als das in Männerberufen Männer machen. Das muss ich so sagen, auch wenn es traurig ist.

STANDARD: Sie meinen, dass Frauen schlechte Chefinnen sind?

Vogt: Nein, sie sind keine schlechten Chefinnen, aber sie arbeiten in einem schlechten Regiment.

Haubner: Vogt spricht hier sicher sehr aus eigener Erfahrung. Aber es gibt natürlich Strukturen, so wie erwähnt, die sich niemand wünschen kann und die es auch künftig nicht mehr geben darf.

Vogt: Wenn man die Autonomie verhindert, verscheucht man gute Leute. Hier sind die großen Versager die Personalvertreter und Gewerkschaften. Die haben nichts zusammengebracht, sie haben für strukturelle Maßnahmen nicht den leisesten Nerv. Es wurde verhindert, aber nicht verbessert. Viel Optimismus habe ich hier aber nicht, wenn man weiß, dass der Chef der Wiener Gemeindebediensteten der Gewerkschafter Hundstorfer war.

STANDARD: Wie konfliktbeladen ist denn das Zusammenspiel zwischen Ärzten und Pflegeberufen?

Vogt: Der Pflegeberuf kommt aus dem dienenden Beruf, und gedient hat er immer der Medizin. Und diese Beherrschungsrituale gibt es schon immer und nach wie vor. Drum ist es so wichtig, dass Frauenpolitik gemacht wird, die die Befreiung einleitet. Schauen Sie sich die Unterbezahlung von Pflegekräften gegenüber Chefärzten doch an. Die verdienen Millionen und lassen keinen Groschen von dem aus, was es unter Ausnützung öffentlicher Einrichtungen zu erwirtschaften gibt. Das ist die wahre Ungerechtigkeit.

STANDARD: Einige EU-Länder werben in den östlichen Ländern massiv um Pflegepersonal und bieten eine erleichterte Einbürgerung. In Österreich ist bislang alles eher im Grau- bereich. Soll es vonseiten der Politik eine Einladungsoffensive geben?

Haubner: Momentan brauchen wir eine kurzfristige Übergangslösung, damit hier nicht die Unsicherheit bei den betroffenen Familien weiter steigt. Aber eine Dauerlösung, wie wir unsere Alten künftig betreuen, müssen wir innerösterreichisch finden. Bei den hoch qualifizierten Pflegeberufen haben wir ja eine sehr gute Ausbildung. Das brauchen wir auch auf einem eher niedrigeren Betreuungsniveau, etwa in einem Lehrberuf. Es gibt viele junge Leute, die hier Interesse haben. Wir haben das freiwillige soziale Jahr schon etwas finanziell aufgewertet. Wichtig wäre mir auch, dass dies als Praxisjahr für einen späteren Sozialberuf anrechenbar ist. Das Pflegegeld garantiere ich weiterhin, aber ich möchte es zusätzlich kombinieren mit der Möglichkeit eines Pflegeschecks. Dadurch werden sich die Angehörigen in Verbindung mit dem stationären und mobilen Angebot das holen können, was sie brauchen. Vom Zukauf einer Tagesbetreuung bis zu Hilfsmitteln, die jeder benötigt, der zu Hause pflegt. Dieses Mischsystem möchte ich so rasch wie möglich einführen.

STANDARD: Wäre es ein gang-barer Weg, parallel zum Wehrdienst einen verpflichtenden Sozialdienst einzuführen?

Haubner: Ich bin gegen Verpflichtung, aber für Anreize, wo es nur geht. Im Rahmen der Zivildienstreform bin ich dafür eingetreten, dass so etwas auch für Frauen möglich ist, aber freiwillig und verbunden mit einem vernünftigen Karriereangebot.

STANDARD: Immer häufiger taucht das Schlagwort von der 'Diktatur' der Alten auf, die aufgrund der demografischen Bevölkerungsentwicklung zunehmen wird. Wer schützt denn die Jüngeren davor, dass die Belastungen aus der Solidarverpflichtung für die Altensorge immer mehr steigen und bald nicht mehr leistbar sind?

Vogt: Die Diktatur der Alten findet real nicht statt. Der Großteil ist froh, dass er mit dem, was er hat, durchkommt. Und jene, die etwas besser gestellt sind, unterstützen die Jungen. Dieser Anteil ist weit größer als das, was von den Jungen für die Alten bezahlt werden muss. Die Frage ist, ob wir eine solidarische Gesellschaft erhalten. Ich denke, dass die Menschen den Sozialstaat wollen.

Haubner: Wir haben das System so umgestellt, dass es nicht auf Kosten der Jungen geht und diese in zwanzig bis dreißig Jahren gar keine Pension mehr kriegen. Hier hat jeder seinen Beitrag geleistet. Und ich kenne viele Frauen mit geringen Pensionen, die sie sich sogar davon noch was absparen und die Enkel unterstützen. Hier leistet jede Generation ihre Beiträge, und das ist für mich okay so.

Vogt: Es herrscht schon eine Grundstimmung, in der es sehr schwer ist, altenfreundliche Politik umzusetzen. Wenn man noch immer Heime in kasernenartigem Ausmaß mit 380 Betten baut - auch das Wort Betten ist hier verräterisch -, dann kann sich nichts zum Besseren wenden. Der Wunsch der Österreicher lautet: Ich will im Alter daheim bleiben. Das muss man endlich ernst nehmen. Wir sollten schon jetzt aktiv gegen Heime arbeiten und diese Tendenz unterstützen. Ich bin überzeugt, dass es diese Riesenhütten, die wir jetzt in Wien noch immer haben, in drei Jahrzehnten nicht mehr geben wird - weil solche Konzepte überholt sind.

STANDARD: Was soll nun mit den viel zitierten 40.000 illegalen Altenpflegerinnen werden?

Vogt: Denen soll man danken und sie legal in das Pflegesystem einbinden. Wenn die alle abreisen würden, hätten wir von heute auf morgen den nationalen Notstand.

Haubner: Hereinholen und legalisieren kann nur eine vorübergehende Lösung sein. Außerdem würden wir damit den Ländern ihre eigenen Ressourcen entziehen.

STANDARD: Haben Sie beide schon konkrete persönliche Pläne oder Wünsche, wie sie beide als alte Menschen leben möchten?

Haubner: Mein Wunsch wäre es, dass es mir so geht, wie meiner Mutter, die bald 90 wird und noch zu Hause wohnen kann. Sie hat ein Netzwerk aus Nachbarschaftshilfe und Familie um sich und kann selbstbestimmt leben.

Vogt: Ich bin zwar Atheist, aber man kann auch atheistisch beten. Und ich bete darum, dass meine Frau länger lebt als ich und sie mich pflegt. (DER STANDARD, Printausgabe, 14.8.2005)

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    Wo Frauen tätig sind, sinken die Löhne, konstatiert Sozialministerin Haubner und plädiert für Männer in der Pflege, Ombudsmann Vogt kritisiert starre Strukturen.

  • Zur PersonUrsula Haubner, geboren 1945 in Bad Goisern, war bis 2003 Landesrätin für Frauenangelegenheiten, Umwelt- und Konsumentenschutz in Oberösterreich.Im Oktober 2003 wurde sie Bundesparteiobfrau der FPÖ und im Januar 2005 Bundesministerin für soziale Sicherheit, Generationen und Konsumentenschutz. Im April 2005 gründete sie zusammen mit ihrem fünf Jahre jüngeren Bruder Jörg Haider das BZÖ. Ursula Haubner ist verheiratet und hat zwei Töchter.
    foto: rgine hendrich

    Zur Person

    Ursula Haubner, geboren 1945 in Bad Goisern, war bis 2003 Landesrätin für Frauenangelegenheiten, Umwelt- und Konsumentenschutz in Oberösterreich.

    Im Oktober 2003 wurde sie Bundesparteiobfrau der FPÖ und im Januar 2005 Bundesministerin für soziale Sicherheit, Generationen und Konsumentenschutz. Im April 2005 gründete sie zusammen mit ihrem fünf Jahre jüngeren Bruder Jörg Haider das BZÖ. Ursula Haubner ist verheiratet und hat zwei Töchter.

  • Werner Vogt, geboren 1938 in Zams in Tirol, ist Unfallchirurg, Publizist, Mitinitiator des Volksbegehrens "Sozialstaat Österreich" und Mitbegründer der Arbeitsgemeinschaft "Kritische Medizin". Er war an vielen internationalen humanitären Aktionen beteiligt.Sein Einsatz bei der Aufdeckung von Gräueltaten durch Nazi-Ärzte am Spiegelgrund brachte ihm Ehrungen der Stadt Wien ein. 2003 wurde Vogt zum Wiener Pflege-Ombudsmann bestellt.
    foto: christian fischer

    Werner Vogt, geboren 1938 in Zams in Tirol, ist Unfallchirurg, Publizist, Mitinitiator des Volksbegehrens "Sozialstaat Österreich" und Mitbegründer der Arbeitsgemeinschaft "Kritische Medizin". Er war an vielen internationalen humanitären Aktionen beteiligt.

    Sein Einsatz bei der Aufdeckung von Gräueltaten durch Nazi-Ärzte am Spiegelgrund brachte ihm Ehrungen der Stadt Wien ein. 2003 wurde Vogt zum Wiener Pflege-Ombudsmann bestellt.

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