Die Container sind anderswo

19. Juni 2000, 18:41

Schlingensief inszeniert den Alltag, den wir täglich erleben, und Österreich schaut hin, und die Welt schaut auf Österreich. Wir, die wir mit Flüchtlingen leben und arbeiten, erleben den Alltag täglich und hundertfach, und niemand schaut hin. Österreich nicht und schon gar nicht Europa, das seine eigenen Container zu verbergen hat.

Der Aktionist rückt das Verborgene von den Rändern ins Zentrum der Stadt. Mit sicherem Gespür hat er erkannt, dass in Österreich medial nichts existiert, wenn es sich nicht innerhalb des Rings der Hauptstadt widerspiegelt.

Die wahren Container des Alltags, in denen Menschen gehalten werden, ohne Existenzsicherung, ohne Möglichkeit zu arbeiten, sind anderswo zu finden: im Gefangenenhaus am Josefstädter Gürtel, in den Notquartieren der Caritas und der Diakonie, in den unzähligen heruntergekommenen Pensionen, weit ab vom Schuss. Die Aufenthaltsdauer ist dort nicht auf eine Woche begrenzt.

Sie kann Jahre dauern. Jahre, die damit verbracht werden, auf einen Bescheid zu warten, Jahre ohne Recht auf Arbeit, Jahre, in denen Menschen auf Almosen angewiesen sind, in denen ihre Bewegungsfreiheit eingeschränkt ist, weil sie sich die Busfahrt zur nächsten Behörde sehr genau überlegen müssen.

Schlingensief stellt die Privatheit von Menschen zur Schau, die uns sonst völlig egal sind. Deren Verletzungen durch Folter und Verfolgung niemanden interessieren, weggesperrt in den öden Pensionen am weiten Land.

Der Diskurs um die Fremden ist ein öffentlicher Tanz um den Popanz des virtuellen Asylwerbers. Die Gesichter kennt man nicht. Sie haben keine Chance auf Öffentlichkeit: Zur Arbeit fehlt ihnen das Recht, zur Teilnahme am gesellschaftlichen Leben jegliche finanzielle Basis. So bleibt das ereignislose Warten, das Verstecken und Verstecktwerden.

Wir stimmen zu

Zahlen beherrschen die Debatte, die sich gebrauchen lassen je nach Wetterlage. Einmal sind wir stolz auf die Massen von Flüchtlingen, die wir Österreicher aufgenommen haben, das andere Mal fürchten wir uns vor Hundertausenden, die unsere militärisch gesicherte Grenze bestürmen. Immer sind es Massen, unsichtbar und gesichtslos.

Wir stimmen nicht ab über den Einzelnen, wir haben damit nichts zu tun. Wir lassen abstimmen und abschieben. Wir stimmen zu. Wir haben der repressiven Asylpolitik der alten Regierung in allen Umfragen zugestimmt und diesen Kurs eindrucksvoll bei den Wahlen bestätigt.

Schlingensief kopiert Big Brother. Big Brother kopiert Schlingensief. Und wir schauen beiden zu. Öffentliche Distanzlosigkeit paart sich mit einer immer größer werdenden sozialen Distanz im alltäglichen Umgang.

Körperliche Existenz stiftet alleine kein Recht im Lande des Niemand (Hannah Arendt). Die zweite Geburt, die Zuerkennung der Rechte findet nicht statt, außer in einzelnen Fällen, deren man sich gebührend rühmt.

Die Container sind überall, all das passiert täglich unter Ausschluss der Öffentlichkeit, die sich gerne ausschließen lässt. Wahrscheinlich deshalb, weil es außerhalb des Ringes passiert, und was dort nicht passiert, passiert nicht in Österreich.

Mag. Michael Chalupka ist Direktor der Diakonie Österreich und Leiter des Evangelischen Flüchtlingsdienstes.

Vom wahren und vom inszenierten Alltag derer, die am Rand leben. Kleiner Nachtrag zur Schlingensief-Festwochen-Aktion vor der Wiener Staatsoper aus der Sicht eines Flüchtlingsbetreuers. Von Michael Chalupka
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