In Afrika trägt Frau Spitze aus Vorarlberg

13. August 2006, 19:35
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Die Stickereiindustrie hat ihre Wurzeln in der Schweiz. Hier zu Lande ist Vorarlberg die Hochburg. Die edle Ware ist trotz vieler Probleme weiterhin gefragtes Exportprodukt.

Lustenau - "Vorarlberger Sticker sind Globalisierungspioniere", sagt Walter Streitler, Präsident des Stickereiverbandes Vorarlberg und Geschäftsführer der Firma Böhi.

Schon in den 1960er-Jahren hätten Lustenauer Sticker Flugzeuge nach Japan, Hongkong oder Singapur gefüllt. Egal ob Nylonwäsche-Boom in Australien oder Griss um Petticoats - die geschäftstüchtigen Lustenauer lieferten die Spitzen für jeden Modetrend.

Und auch für Stammesfürsten, Potentaten und Diktatoren - wer sich im fernen Afrika für etwas hielt, trug Textiles aus Vorarlberg. Revolten, Krisen, Kriege oder Devisengesetze - die Sticker wurden mit jeder Herausforderung fertig. So wurde Lustenau in den Boom-Jahren zur österreichischen "Stickereihochburg", der Goldrausch hielt bis in die 1980er-Jahre an.

Keine Depression

Die Konkurrenz aus China und der Exportrückgang des letzten Jahrzehnts stürzt die Sticker jedoch nicht in die Depression. Walter Streitler sagt: "Wir glauben an unsere Branche." Sichtbares Zeichen dafür sei, "dass noch nie so viele neue Maschinen gekauft wurden, wie im letzten Jahr."

In der Branche, die geprägt ist von traditionellen Familienbetrieben, zeichnet sich ein Generationenwechsel ab. "Die Jungen investieren wieder", verweist Streitler auf die 70 bis 80 neuen Hightechmaschinen. Die Anlagen kommen aus der Schweiz, wo im 19. Jahrhundert die Stickereiindustrie ihren Anfang nahm.

Größte Konkurrenz

Die Schweizer Nachbarn sind für die österreichischen Sticker neben Frankreich und Italien auch die größten Konkurrenten auf dem europäischen Markt. Ein Export-Minus von 20 Prozent auf 65 Millionen Euro mussten die Schweizer 2005 verkraften, die Vorarlberger kamen mit Minus fünf Prozent davon. Der Umsatz im Vorjahr: 103 Millionen Euro. Der Trost für die Schweizer: Die Vorarlberger Stickereien nennt man in Nigeria, dem Hauptexportmarkt der Lustenauer "Swiss Lace".

Das sinkende Exportvolumen auf dem nigerianischen Markt will man durch gezielte Marketing- und Werbekampagnen wieder wettmachen. "Wir stecken den Kopf nicht in Sand", gibt sich Streitler kämpferisch. Der afrikanische Markt sei zwar immer schon ein unsicherer gewesen, die Sticker hätten aber "immer einen Weg gefunden, das Geschäft zu halten".

2500 Jobs gefährdet

Geht es den Stickern ans Eingemachte, können sie recht laut werden. Als ihre nigerianischen Kunden, die traditionell direkt in Vorarlberg einkaufen, das neue österreichische Fremdengesetz zu spüren und keine Visa mehr bekamen, erreichte ein Aufschrei der Sticker das Innenministerium - 2500 Arbeitsplätze stünden auf dem Spiel. Innerhalb weniger Tage gab es eine Ausnahmeregelung.

Keinen Einfluss haben die Sticker auf die nigerianische Regierung. Die erließ im Jahr 2004 eine Importsperre für ausländische Textilien.

Was sich natürlich in der Exportstatistik niedergeschlagen hat: 2004 sanken die Exporte um 7,2 Prozent, 2005 um 16,6 Prozent auf 34,5 Millionen Euro. So weit die offiziellen Zahlen. Intern schätzt man den Nigeria-Umsatz jedoch immer noch auf 80 Millionen Euro. Der Hintergrund: Die Stickereien kommen nicht selten im Handgepäck oder über Großhändler auf verschlungenen Wegen an ihr Ziel. (Jutta Berger, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.8.2006)

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  • Auf dem afrikanischen Markt ist Nigeria das Hauptabnehmerland für Stickereien aus Vorarlberg.
    foto: austria embroideries

    Auf dem afrikanischen Markt ist Nigeria das Hauptabnehmerland für Stickereien aus Vorarlberg.

  • Die österreichische Stickereibranche hat ihr Zentrum in Vorarlberg. Von dort geht die Qualitätsware in alle Welt. In Nigeria heißen Vorarlberger Stickereien "Swiss Lace".
    foto: austria embroideries

    Die österreichische Stickereibranche hat ihr Zentrum in Vorarlberg. Von dort geht die Qualitätsware in alle Welt. In Nigeria heißen Vorarlberger Stickereien "Swiss Lace".

  • Die Hightechmaschinen in der Vorarlberger Stickereibranche kommen aus der Schweiz.
    foto: austria embroideries

    Die Hightechmaschinen in der Vorarlberger Stickereibranche kommen aus der Schweiz.

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