Pressestimmen: "Der Dichter ist nackt"

14. August 2006, 14:57
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Aus internationalen Kommentaren zu Grass' SS-Outing - Tschechische Zeitung "Mlada fronta Dnes" fühlt sich an den Fall Waldheim erinnert

Hamburg - Das Bekenntnis des Schriftstellers Günter Grass, Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein, hat auch in der internationalen Presse Beachtung gefunden - besonders in Osteuropa.

Die Zeitung "Nowaja Gaseta" aus Russland:

"Der außerordentlichen Reputation des Literatur-Nobelpreisträgers Günter Grass wird seine kurze Mitgliedschaft bei den Truppen der Waffen-SS in keiner Weise schaden. Zumal der zukünftige Klassiker der Weltliteratur am Ende des Krieges zu spät kam, um sich mit Blut zu beflecken und mit der Teilnahme an verbrecherischen Vergeltungsakten der SS Schande auf sich zu ziehen."

Die Zeitung "Mlada fronta Dnes" aus Tschechien:

"Grass war in der Waffen-SS? Na und, werden einige sagen, der heutige Papst war in der Hitlerjugend. Nur hat Joseph Ratzinger dies nie verschwiegen. Und so erinnert der Fall Grass an die Affäre des Österreichers Kurt Waldheim, der im Zweiten Weltkrieg (als Offizier der Wehrmacht) in Bosnien eine Einheit führte. Grass hat sich unerträglich spät bekannt."

Die Zeitung "Lidove noviny" aus Tschechien:

"Viele werden fragen, warum Grass sich erst jetzt zur früheren Mitgliedschaft in der Waffen-SS bekennt. Aber wie waren denn damals die Aussichten eines 17-Jährigen, die Welt zu verstehen, die Grenzen der Nazi-Propaganda zu überwinden und eine reife Reflexion zu entwickeln? Und wann war dieser richtige Augenblick?"

"Politika" aus Serbien:

"Mit seinem Bekenntnis fällt ein schwerer Schatten gerade auf die moralische Integrität eines Mannes, der immer und überall seine Stimme erhob und anderen Lektionen erteilte. Er hat, auf Grund der These vom "Verhindern der humanitären Katastrophe" im Kosovo, die Luftangriffe auf Jugoslawien befürwortet."

"Neue Zürcher Zeitung" aus der Schweiz:

"Wird das Werk - das wie kein anderes die deutsche Schuldverstrickung im Nationalsozialismus zu seinem unerschöpflichen Thema gemacht hat - von diesem späten Bekenntnis beschädigt? Nein, denn die Literatur folgt ihren eigenen Gesetzen, und manches aus dem Frühwerk hat Bestand. (...) Das lange Schweigen und die inszenierte Form des Bekenntnisses lassen jedoch manche polemische Intervention noch nachträglich fragwürdig erscheinen."

Die Zeitung "ABC" aus Spanien:

"Selbst bei größtem Wohlwollen stellt sich die Frage, weshalb Günter Grass mit seiner Enthüllung so lange gewartet hat. Da kommen einem sofort zwei mögliche Gründe in den Sinn, die beide nicht besonders vorbildlich sind. Erstens hätte Grass, wenn er früher gesungen hätte, höchstwahrscheinlich nicht den Nobelpreis bekommen. Zweitens könnte Grass sein Eingeständnis dazu benutzt haben, für seine demnächst erscheinende Autobiografie zu werben."

Im Berliner "Tagesspiegel" schreibt Gregor Dotzauer unter dem Titel "Örtlich betäubt":

Was für ein Geständnis. Wer es hört, ungläubig bis fassungslos, mag es selbst dann noch für einen schlechten Witz halten, nachdem er sich schwarz auf weiß, im Doppel von literarischer Erinnerung und Interview, davon überzeugt hat. Günter Grass, Deutschlands berühmtester lebender Schriftsteller, der Nobelpreisträger, das Gewissen der Nation, ihr schreibender Mythenbilder, war Mitglied der Waffen-SS ... Ein Treppenwitz der Geschichte? Oder eine Wahrheit, deren Bitterkeit sich noch gar nicht ermessen lässt? Die Kategorien geraten ins Schwimmen, weil sich daraus so viele Deutungsnöte ergeben: für das Werk von Günter Grass, für seine Rolle als linker Präzeptor, für das gesamte intellektuelle Gleichgewicht des Landes, das seine inneren Kämpfe und außenpolitischen Haltungsfragen immer noch vor dem Hintergrund 12 langer Hitlerjahre ausficht.

Für eine hübsche Wortprägung sorgt der Historiker Michael Wolffsohn in der "Netzeitung":

Auch du, GG ..? Auch du ein Wahrheitströpfler? (...) Hinter GG's moralisch-poltischem Größenwahn stand offensichtlich ein kleinmütiger Mann. Er selbst hat sein Lebenswerk auf Lebensgröße, auf das deutsche Normalmaß seiner Zeitgenossen schrumpfen lassen. 'Der Kaiser ist nackt.' Durch sein beharrliches Schweigen wird GG's moralisierendes, nicht sein fabulierendes Lebenswerk entwertet. Bleiben werden GG's Worte, nicht seine Werte.

Hellmuth Karasek kommentiert in der "Welt am Sonntag":

Immer, wenn es darum ging, sich mit den Republikanern, der NPD, der FPÖ Jörg Haiders auseinanderzusetzen, spielte - zu Recht, wir denken an Franz Schönhuber - die späte Entschuldung der Waffen-SS eine entscheidende Rolle. Wie gut hatte da Grass an vorderster Spitze mitgekämpft! Wie viel besser hätte er mitstreiten können für das bessere Gewissen, hätte er sich zu seiner Jugend bekannt, wie er es von anderen mit Konsequenzen forderte. In der Debatte um die Wiedervereinigung wollte Grass sich und uns, seine Landsleute, dazu nötigen, wegen "Auschwitz" der Vereinigung zu entsagen. Auschwitz war ein Menschenvernichtungsbetrieb der SS. Was musste Grass selbstgerecht verdrängen, wenn ihm nicht einmal dabei einfiel, dass er bei der Waffen-SS war! Keine Angst, man wird ihm sein Moralaposteltum schon nicht aberkennen. Er bleibt Deutschlands ständig Resolutionen unterschreibendes besseres Gewissen - wider besseres Wissen.

Alan Posener, Kommentar-Chef der "WamS", notiert in sein Weblog "Apokalypso":

Das Elende, das Kleine, Hässliche ist das Beschweigen dieser Tatsache sechzig Jahre lang, in Verbindung mit der großen Geste des Gestehens. Was ging in seinem Kopf da vor? Hatte er Angst, die Mitbesetzer jener moralischen Anhöhe, von der aus gemeinsam gegen alles geschossen wurde, was nicht links war, würden dafür kein Verständnis aufbringen? Dann hätte diese Angst die Lebenslüge als solche entlarvt, zum toleranteren, humaneren Teil der Menschheit zu gehören. Das alles wird im FAZ-Interview nicht thematisiert, weil die Interviewführer vor lauter Aufregung und Stolz über ihren publizistischen Coup in völlige Kritiklosigkeit und geistige Somnambulenz verfallen zu sein scheinen.

Dafür bietet das von der Konkurrenz solcherart gescholtene Blatt auf seinem Online-Portal ein höchst verdienstvolles Leserservice zur Vertiefung der Debattenkultur:

Was halten Sie von Grass' Geständnis?

(1) Hochachtung, dass er reinen Tisch macht

(2) Die Beichte kommt viel zu spät

(3) Er war jung, man muss ihm verzeihen

(4) Als moralische Instanz hat er ausgedient

(5) Seine Bücher werden bleiben.

Zutreffendes bitte ankreuzen. (DER STANDARD, Printausgabe, 14./15.8.2006/APA/dpa)

  • Moralapostel mit Unke: Grass im Selbstporträt
    zeichnung: grass

    Moralapostel mit Unke: Grass im Selbstporträt

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