Unverkrampfte Verführung

13. August 2006, 20:04
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Premiere von Mozarts "Don Giovanni" bei den Innsbrucker Festwochen: Die Produktion wirkt szenisch wie musikalisch aus einem Guss und kann auch das Publikum überzeugen

Innsbruck - Ein stimmiges Ganzes, dieser Don Giovanni: René Jacobs und das Freiburger Barockorchester agieren klanglich transparent, mit Mut zum ungeschönten Kontrast. Tempi ergeben sich schlüssig aus der musikalischen Sinnhaftigkeit, ohne interpretatorische Verkrampftheit: zügig, aber nicht gehetzt die Ouvertüre, gezügelt und gerade dadurch brillant die "Champagner-Arie". Besonders interessant wirken die beredt ausgeschmückten Rezitative. Lediglich das Hammerklavier (statt Cembalo) nimmt den Sängern manchmal das Wort.

Auf der Bühne? Da spielt sich Giovannis Schicksal - Johannes Weisser ist ein agiler, durchaus liebenswerter Luftikus Mitte zwanzig - in einem Kuppelraum ab (Bühnenbild: Vincent Lemaire). Was akustisch gut gemeint gewesen sein mag, ist jedoch nicht ganz unproblematisch - allzu unvermittelt bekommen Töne ungewöhnliches Volumen.

Auch scheinen sich im ersten Akt alle Beteiligten noch etwas ratlos in Türrahmen und auf Fensterbänke zu drängen oder an der Wand entlangzudrücken. Vincent Boussards Personenführung erreicht allerdings ab dem Ende des ersten Aktes intensive Stringenz. Das Komödiantische bekommt erfrischende Akzente, Momente der Commedia dell'Arte bringen die Wucht des Tragischen umso deutlicher zum Tragen. Der Verführer will zwar Zerlina (tadellos Sunhae Im) vergewaltigen, macht dabei aber eine derart linkische Figur, dass "giocoso" und "dramma" eindrucksvoll aufeinander prallen. Köstlich die Verwechslungsszene zwischen Herr und Diener (Marcos Fink gibt einen spielfreudig-dienstbeflissenen Untergebenen).

Dem Feinsinnig-Lyrischen ist ebenfalls Raum gegeben. Boussard schenkt der meist quälend langweiligen Beziehung zwischen Donna Anna und Don Ottavio einen besonders rührenden Moment, der dieses Paar in ein anderes Licht taucht - im wörtlichen Sinn. Während Donna Annas großer Arie des zweiten Aktes (ausdrucksstark Svetlana Doneva) steht Don Ottavio (souverän Werner Güra) hinter dem Vorhang, nur als Schatten durchschimmernd (Lichtregie: Alain Poisson).

Die innige Zuneigung der beiden wird (wie nur selten) spürbar, ebenso wie die verschleiernde Wirkung der Konvention. Masettos trotziges Temperament vermittelt Nikolay Borchev überzeugend, Alexandrina Pendatchanskas Elvira fällt durch mollig-dunkles Timbre auf, ist aber oft schwer verständlich.

Allessandro Guerzoni ist ein imposanter Komtur, muss aber die Friedhofsszene im Zuschauerraum singen - mit dem Rücken zum Publikum am Orchestergraben stehend -, was das Dramatische der Situation denn doch zu sehr schwächt. Christian Lacroix' Kostüme indes runden diese Produktion optisch hervorragend ab. Sie zeichnen sich durch Eleganz wie Bodenständigkeit aus: Zerlinas schlichtes weißes Kleidchen - keck geschlitzt, um den Blick auf das Strumpfband freizugeben - ist ebenso poetisch wie Don Giovannis grün-rosa changierendes Seidengewand des jungen Edelmanns. Die Anleihen bei der Commedia dell'Arte unterstreicht auch der Designer, trägt Leporello doch auch Züge eines Pantalone.

Als besonderen Beitrag zum Mozartjahr bieten die Innsbrucker Festwochen nach einer weiteren Aufführung der Prager Fassung des Don Giovanni (14. August) noch zweimal die Wiener Fassung (16. und 18. August). (Petra Haiderer/DER STANDARD, Printausgabe, 14./15.8.2006)

  • Marcos Fink (als Leporello) muss seinen Chef Don Giovanni (Johannes Weisser) mitunter auch stützen.
    foto: festwochen

    Marcos Fink (als Leporello) muss seinen Chef Don Giovanni (Johannes Weisser) mitunter auch stützen.

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