Wie Georg mit 16 dem Pflegeheim entging

21. August 2006, 13:05
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Um die passende Betreuung geht es nicht nur, wenn in einer Familie hochbetagte Mitglieder plötzlich Hilfe brauchen

Um die passende Betreuung geht es nicht nur, wenn in einer Familie hochbetagte Mitglieder plötzlich Hilfe brauchen. Pflegebedarf kann auch ganz plötzlich bei jungen Menschen entstehen - und illegale Angebote sind in dieser Situation oft die einzig leistbaren.

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Wien - Auf Ansprache oder auf ein Zulächeln reagiert Georg (22) sofort. Er lächelt zurück oder antwortet - rasch, wenn es um Gefühle, langsamer und weniger präzis, wenn es um Fakten geht. Danach wendet sich sein Blick nach innen, nehmen seine Augen wieder diesen Ausdruck des Erstaunens an. Ganz so, als warte Georg ab.

Also muss der junge Mann "motiviert" werden, von morgens bis abends, schildert Krankenschwester Katarìna (30) aus Bratislava: "Es ist nötig, ihn aufzufordern, in der Früh aus dem Bett zu steigen, sich anzuziehen. Aber auch, wenn das Handy läutet, muss man ihn ans Abheben erinnern. Von allein reagiert er nicht". Auch nachts brauche Georg Beaufsichtigung.

Das ist seit nunmehr sechs Jahren so, seit dem Jahr 2000, als der damals 16-jährige Mittelschüler während eines Waldlaufs einen Kreislaufkollaps erlitt und zu Boden ging. Ein begleitender Lehrer habe den Buben wider alles Erste-Hilfe-Wissen "zum Aufstehen aufgefordert", erzählt Georgs Vater, Markus H. (58).

Daraufhin habe sich Georg erbrochen, das Erbrochene sei in seinem Hals stecken geblieben: Atmung gestoppt, Schock, Herzflimmern, Hirnschädigung. Die Frage der Schuld daran beschäftigt seit damals die Gerichte: So lange die Ereignisse nicht als Unfall oder zumindest teilweise fremdverschuldet gelten, hat der schwer Beeinträchtigte kein Anrecht auf Pension.

Betreuung brauchte Georg aber sofort: Nicht stundenweise, sondern immer, von null bis 24 Uhr. "Seine Mutter und ich sind geschieden, sie hat zwei Kinder aus zweiter Ehe, ich verdiene mein Geld von morgens bis abends als Systemanalytiker und Consultant", schildert Vater Markus die diesbezüglichen familiären Voraussetzungen.

Für Pflegeexperten und diverse Bürokraten schien der Fall klar: "Sie haben vorgeschlagen, ihn in ein Heim zu geben." Doch an diesem Punkt stellte sich in Markus Haffner etwas quer. "Man kann einen 16-Jährigen nicht aufgeben, ihn verwahren lassen." Die legale Alternative wiederum, Rund-um-die-Uhr-Betreuung durch heimisches Pflegepersonal, entpuppte sich mit 53.000 Schilling (3850 Euro) Monatskosten als unbezahlbar. "Ich war sehr froh, als ich auf den Verein stieß, der ausgebildete slowakische Kräfte nach Österreich vermittelte", sagt Markus.

Auf diese Art kam Katarìna in sein und Georgs Leben und in deren Wiener Dachterrassenwohnung - Katarìna aus Bratislava, die daheim eine Ausbildung als Krankenschwester absolviert hat. "In Bratislava verdient eine angestellte Schwester heute 400 Euro im Monat, und dafür arbeitest du wie ein Pferd. In Österreich verdiente ich damals 50 Euro täglich - und dazu bestand die Möglichkeit, Deutsch zu lernen", schildert die junge Frau.

Leistbare Variante

Um Georg zu betreuen, wechselte sie sich mit einer slowakischen Kollegin im 14-Tage-Rhythmus ab, lebte je zwei Wochen im Haushalt mit. Für Markus Haffner um rund 1500 Euro monatlich eine noch leistbare Pflegevariante.

Und mit der Zeit war es für ihn wie für sie weitaus mehr als das: "Als Georg auf Rehabilitation war, haben Markus und ich uns auch privat getroffen. Wir haben uns verliebt und im Dezember 2004 geheiratet", erzählt Katarìna lächelnd. In zwei Monaten erwartet sie ihr erstes Kind.

"Psychisch anstrengend" sei ihre Zeit als schwarze Schwester in Österreich gewesen, sagt Katarìna im Rückblick. Auch, dass sie sich in der Slowakei habe privat krankenversichern müssen und die ganzen Jahre über nichts für ihre eigene Pensionsvorsorge habe tun können, stößt ihr bitter auf.

Für Georg jedoch - so betont auch sie - sei so genannte illegale Pflege derzeit die einzige Möglichkeit, um der Heimeinweisung zu entgehen. Und auch für die Zukunft, vielleicht für Georgs ganzes Leben, sei keine andere Lösung in Sicht. (Irene Brickner/DER STANDARD, Printausgabe, 14. August 2006)

  • Georg H. (Mitte) mit Vater Markus und seiner Pflegerin Katarìna, die inzwischen in die Familie eingeheiratet hat.
    foto: der standards/newald

    Georg H. (Mitte) mit Vater Markus und seiner Pflegerin Katarìna, die inzwischen in die Familie eingeheiratet hat.

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