Kopf des Tages: Nabih Berri, libanesischer Parlamentspräsident und Schiitenvertreter

14. August 2006, 17:33
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Beiruts Kontaktmann zur Hisbollah

Ob Krieg oder Frieden - das Schicksal der Zedernrepublik bestimmen immer die gleichen Männer, meist mit wechselnden Allianzen. Nabih Berri ist das jüngste Beispiel, seit 14 Jahren Parlamentspräsident und seit Kurzem Verbindungsmann der Regierung zu Hisbollah-Generalsekretär Hassan Nasrallah. Hält die geplante Waffenruhe, wird Berri wohl für Beirut die schwierigen Verhandlungen mit der Schiiten-Miliz führen.

Für ihn ist das die Chance, seine Position zu zementieren, nachdem sein Stern mit dem Abzug der syrischen Truppen etwas an Glanz verloren hatte. Berri, einst der stärkste Führer der schiitischen Volksgruppe, ist in den vergangenen Jahren von Nasrallah aus dieser Position verdrängt worden. Der 1938 im Exil in Sierra Leone geborene Schiite studierte in Beirut und Paris Rechtswissenschaften und praktizierte während fast 20 Jahren als Anwalt. Unter anderem auch für Imam Musa Sadr, der 1975 die schiitische Amal-Miliz gegründet hatte. Nachdem Sadr auf einer Reise nach Libyen verschwunden war, übernahm Berri 1981 die Miliz.

Die prosyrische Amal wechselte während des 15-jährigen Bürgerkrieges mehrmals die Fronten - mal mit, mal gegen die palästinensische PLO; mal mit, mal gegen die PSP von Drusenchef Jumblatt; mal mit, mal gegen die Hisbollah. Ab 1984 hatte Berri verschiedene Ministerposten inne. Am Ende des Krieges wurde die Amal wie alle anderen Milizen mit Ausnahme der Hisbollah aufgelöst.

Seit 1992 bekleidet Berri, dessen Familie aus der Kleinstadt Tibnin im Süden stammt, den Posten des Parlamentspräsidenten, der im Religionsproporz einem Schiiten vorbehalten ist. Er war der wichtigste syrische Statthalter im Libanon und gilt als außerordentlich korrupt. Aus jeder politischen Krise hat er Kapital geschlagen. Er stammt aus bescheidenen Verhältnissen, und bis heute hat seine Familie ein großes Vermögen angehäuft.

Eine scharfe Intelligenz, die Fähigkeit andere zu manipulieren und ein untrüglicher politischer Überlebensinstinkt zeichnen den skrupellosen Strategen aus. Zugute halten muss man dem Vorsitzenden der Arabischen Parlamentarier-Union aber auch, dass er als einer der Wenigen immer wieder versucht, den Konfessionalismus im Libanon zu überwinden.

Auf seine Initiative hin trafen sich im Februar sämtliche Gruppierungen zum Nationalen Dialog. Bei diesen Gesprächen hätten alle zentralen Fragen, darunter die Zukunft der Hisbollah-Waffen, geklärt werden sollen. Aber die Differenzen waren unüberbrückbar. Mit dem Ausbruch des Krieges wurde der Zwang zur Einigkeit größer. Ob Berri das Gesamtwohl des Libanon im Auge hat oder die Chancen nützen will, eigene Ziele zu verfolgen, wird sich in den kommenden Wochen zeigen. (Astrid Frefel/DER STANDARD, Printausgabe, 14.8.2006)

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    foto: apa/epa/mounzer
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