Tech-Match für "gesünderes Leben"

22. August 2006, 10:21
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Vom Navigationssystem für blinde Menschen bis zu Spielen, die zu Fitnessübungen stimulieren: Hunderte Studenten traten zum Finale des Microsoft Imagine Cup in Indien an.

Der Kontrast ist größer kaum vorstellbar. Draußen, in der Hitze der von einfachen Verkaufsständen und primitiven Hütten gesäumten Straßen von Agra, dem Ort des Taj Mahal, ein dichtes Gedränge geschäftiger Menschen, von denen die meisten noch nie einen Computer benutzt haben und viele nicht einmal lesen und schreiben können.

Code

Drinnen in der klimatisierten Oase des Jaypee Hotel die lebhafte Atmosphäre eines Uni-Campus: Dutzende Studenten aus aller Welt sitzen in kleinen Kobeln vor PCs, die sie mit komplexen Codes füttern; auf großen Displays liefern sich virtuelle Nanorobots Programmierschlachten in Echtzeit; überall in Gängen und Tagungsräumen sitzen junge Leute mit ihren Notebooks, üben für ihre Präsentationen.

Imagine Cup 2006: Zum vierten Mal ging diese Woche der weltweit größte, von Microsoft veranstaltete Studentenwettbewerb über die Bühne, diesmal in Indien. "Junge Leute sollen die Möglichkeit haben, ihr Uni-Wissen an wirklichen Problemen zu erproben", erklärt Joe Wilson, Leiter des akademischen Programms von Microsoft, das Ziel der "Computerolympiade". Das diesjährige Rahmenthema: sich eine Welt "vorzustellen, in der Technologie hilft, gesünder zu leben". 181 Studenten in 72 Teams aus 42 Ländern, darunter vier Österreicher, qualifizierten sich aus 65.000 Teilnehmern in 100 Ländern zum Finale in Indien.

Design

Die größte Aufmerksamkeit unter den insgesamt sechs Disziplinen zog die Kategorie "Software Design" an: konkrete, in den Grundzügen bereits realisierte technische Lösungen für reale Probleme im Gesundheitsbereich. Als "Weltmeister" ging Italiens Team von der Polytechnischen Universität Turin aus der "Championsrunde" der letzten sechs Projekte hervor. "Meistens denkt man bei Gesundheit an körperliche Aspekte. Aber uns ging es um psychische Gesundheitsaspekte", stellte das Team sein "Hello World!" vor: ein System, das helfen soll, die Vorgänge bei psychischen Störungen wie Panikattacken besser zu verstehen. "In erster Linie werden Psychopharmaka eingesetzt, aber diese nehmen keine Rücksicht auf den sozialen Kontext, in dem das Problem auftritt."

Um den Zusammenhang zwischen persönlichem Befinden und sozialem Kontext herzustellen, werden einerseits mithilfe einer "Dream Watch" Parameter körperlichen Befindens aufgezeichnet; andererseits wird mittels Smartphone und GPS der Tagesablauf detailliert aufgezeichnet: an welchen Orten, in welchen Situationen befindet sich die jeweilige Person. Bei der späteren Auswertung wird der Zusammenhang zwischen Belastungsprofil oder Zusammenbrüchen und dem Umfeld hergestellt, um die Therapie zu unterstützen.

"Gold" für Österreicher

Aus Brasilien kam "V-Eye", ein Navigationssystem für blinde Personen, das den zweiten Platz belegte. Ein GPS-System gibt einem Server den Standort des Betreffenden an, der durch Spracheingabe über ein mobiles Gerät (Smartphone) sein Ziel nennt; V-Eye berechnet die optimale Route, dann wird die Person mit Vibrationssignalen über Sensoren an Armbändern gelenkt. Zur Grundfunktion kommen weitere Möglichkeiten: In Gebäuden können Funkchips helfen, sich zurechtzufinden; entlang von Routen können zusätzliche akustische Informationen gegeben werden.

"Gold" (8000 Dollar für den ersten Platz) gab es beim Imagine Cup auch für den Österreicher Andreas Tomek, der im Vorjahr in Japan bereits den dritten Platz belegte. Er gewann vor einem rumänischen Studenten, in der Wettbewerbskategorie Informationstechnologie. Dabei ist in einem 24-Stunden-Wettbewerb nach entsprechenden Vorgaben eine komplexe Infrastruktur aufzubauen.

Motivation

Hingegen schaffte es das österreichische Team "MyCaps" nicht, sich für die Schlussrunde zu qualifizieren. Wie berichtet, will MyCaps die Faszination von Videospielen mittels mobiler Geräte in die reale Welt übertragen und dadurch zu gezielten Übungen animieren. Die Mühe war nicht vergeblich, sagt Schahram Dustdár, Professor an der TU Wien, der die Studenten bei der Entwicklung unterstützte: "Der Wettbewerb ist sehr motivierend. Die Studenten lernen, auf hohem, internationalem Niveau fokussiert an Lösungen zu arbeiten."

Indien sei als Austragungsort des Imagine Cup ein besonderer Ansporn für die "nächste Generation an Innovatoren", erklärte Indiens Technologieminister Shri Kapil Sibal. "500 Millionen Menschen hier verdienen weniger als zwei Dollar am Tag. Und sie haben keinen Zugang zum Gesundheitssystem, obwohl gleichzeitig eine Minderheit in diesem Land eines der besten Gesundheitssysteme der Welt hat", beschreibt er die Herausforderung, ein "erreichbares und leistbares" System zu entwickeln. Dabei spiele auch technologische Innovation eine Riesenrolle, die für die Welt beispielgebend sein kann: "Wenn man dieses Problem in Indien lösen kann, löst man es auch für die restliche Welt." (Helmut Spudich aus Delhi / DER STANDARD Printausgabe, 12./13.August 2006)

  • Das Projekt "Docterra" des japanischen Teams soll die Risiken von Behandlungsfehlern in Spitälern mithilfe von "Augmented Reality" minimieren helfen.
    foto: spudich / der standard

    Das Projekt "Docterra" des japanischen Teams soll die Risiken von Behandlungsfehlern in Spitälern mithilfe von "Augmented Reality" minimieren helfen.

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