"Zuhören und Erfahrungen austauschen ist ein wichtiger erster Schritt"

16. August 2006, 19:06
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Ärzte-ohne-Grenzen-Psychologin Marie Adèle Salem im Interview über die Hilfe für traumatisierte Menschen im Westbeiruter Stadion Safa

Seit Beginn des Konfliktes im Libanon haben Hunderttausende ihr Heim verloren und in weniger gefährlichen Gegenden Zuflucht gesucht. In Beirut allein sind über 100'000 Vertriebene in Schulen, Parks und Parkhäusern untergebracht. Zwei mobile Teams von Ärzte ohne Grenzen haben damit begonnen, an einigen dieser Orte neben medizinischer Grundversorgung auch psychologische Unterstützung zu leisten.

Die libanesische Psychologin Marie Adèle Salem berichtet über die Hilfe für traumatisierte Menschen im Westbeiruter Stadion Safa beginnt, wo etwa 250 Menschen aus Südlibanon und den südlichen Vororten der Hauptstadt Zuflucht gesucht haben.

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Médecins Sans Frontières (MSF): Viele Kinder haben Granatbeschuss, Bombardierungen und Gewalt erlebt. Wie wirkt sich das aus?

Marie Adèle Salem: Sie haben immer noch sehr grosse Angst. Die meisten schlafen sehr schlecht. Nicht nur wegen dem Erlebten, sondern auch wegen dem ständigen Lärm hier, einem weiteren Stressfaktor. Wir sehen auch, dass sie hyperaktiv oder überaus aggressiv sind. Schon beim kleinsten Streit beginnen sie zu weinen, was nicht normal ist. Andere typische Stress-Symptome, die wir bei Kindern und Erwachsenen beobachten, sind Kopfschmerzen, zitternde Hände, Herzklopfen oder Magenbeschwerden.

MSF: Einzeltherapien kommen hier wohl nicht in Frage. Was ist unter den gegenwärtigen Umständen möglich?

Marie Adèle Salem: Wir leisten psychologische erste Hilfe. Ziel ist es, den Stress von Kindern und Erwachsenen durch einfache Methoden wie Atem- und Entspannungsübungen abzubauen. Wir helfen den Menschen, wieder mit normalen, alltäglichen Tätigkeiten zu beginnen. Wir setzen auch gewisse Techniken der kognitiven Verhaltenstherapie ein. Dabei erfahren die Menschen, wie ihr physisches Leiden mit der traumatischen Erfahrung zusammenhängt – und wie sie diese aus eigener Kraft überwinden können.

Ausserdem organisieren wir Treffen, bei denen eine oder mehrere Familien zusammensitzen und über ihre Probleme und Ängste diskutieren. Zuhören und Erfahrungen austauschen ist meistens ein wichtiger erster Schritt, der schon sehr viel hilft. Schliesslich betreut ein Ärzte ohne Grenzen-Psychiater Menschen, die schon vorher unter chronischen psychischen Krankheiten wie Depression oder Psychose litten, auch mit Medikamenten.

MSF: Gibt es ein besonderes Vorgehen für Kinder?

Marie Adèle Salem: Wir sind daran, ein besonderes Programm aufzustellen, mit dem wir in den nächsten Tagen beginnen möchten. Hier im Lager haben die Kinder nichts zu tun. Sie haben kein Spielzeug und gehen nicht zur Schule. Deshalb werden wir ihnen Spielsachen bringen und dafür sorgen, dass Erwachsene aus ihrer Gemeinschaft sich mit ihnen beschäftigen und mit ihnen spielen. Kinder mit besonders schwerwiegenden Symptomen sollen durch unsere Psychologen betreut werden.

MSF: Wie entwickeln sich Stresssymptome ohne Behandlung?

Marie Adèle Salem: Menschen, die sich in einer besonders grossen Notlage befinden, könnten chronisch psychisch krank werden. Das befürchten wir. Deshalb glauben wir auch, dass unsere Tätigkeit während dieser Krisensituation auch mittel- und langfristig Sinn macht. Indem wir die Menschen heute unterstützen, hoffen wir zu verhindern, dass aufgrund der durchlebten Traumas längerfristige psychologische Schäden auftreten. (Das Interview führte Stephan Grosse Rueschkamp)

  • Die MSF-Psychologin Marie Adèle Salem betreut Kinder im Beiruter Safa-Stadion.
    foto: stephan grosse rueschkamp/msf

    Die MSF-Psychologin Marie Adèle Salem betreut Kinder im Beiruter Safa-Stadion.

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