Versäumte Lebensrettung

20. August 2006, 17:45
posten

Donald Antrims "Mutter" öffnet den Kofferraum des Unglücks - Der Autor reagiert auf die mediengesättigte Gegenwart mit einem hybriden Realismus

Als Louanne Antrim ihren Sohn Donald fragt, ob er sein nächstes Buch ihr widmen wird, wissen beide, dass sie bald sterben wird. Er reagiert entsprechend zurückhaltend, fast verschämt und stottert schließlich, dass dies zu seinem gegenwärtigen Projekt kaum passen würde. Kurz danach ist sie an den Folgen eines Lungenkrebses verschieden. Sie rauchte wie ein Schlot, sie war Alkoholikerin. Die Beziehung zu ihrem Sohn - oder, viel eher, seine Beziehung zu ihr - ist von diesem Umstand nicht zu trennen. Kein Wort würde sie trefflich beschreiben. Wohl auch deshalb hat er nun ein ganzes Buch über sie geschrieben, das man als tangentiale Annäherung an ihre Person verstehen muss. Über Umwege, nahe und entferntere Geschichten, fragmentierte Erinnerungen und Ersatzobjekte versucht er sich ein Bild von ihr und ihrer Bedeutung für ihn zu machen. Die Facetten dieses Porträts sind äußerst mannigfaltig: Meistens gleicht es einer Art Exorzismus, ganz selten auch einer Liebeserklärung.

Antrim, 1958 geboren, gehört zur jüngeren Generation von US-Schriftstellern wie David Foster Wallace oder Jonathan Lethem, die auf die auf die mediengesättigte Gegenwart mit einem hybriden Realismus reagieren. Auf Deutsch erschienen von ihm bisher Die Beschießung des Botanischen Gartens und Ein Ego kommt selten allein, Letzteres eine Satire über eine Gruppe von Psychoanalytikern, die zu einem kathartischen Pancake-Essen zusammentrifft. Mutter weist dagegen schon im Untertitel darauf hin, dass es sich um keinen Roman handelt. Ein gängiger autobiografischer Text über die eigenen Familienverhältnisse ist das Buch freilich auch nicht. Es stellt weder das Leiden an der desolaten Mutter-Sohn-Beziehung aus, noch sucht es nach einer Dramaturgie, an deren Ende so etwas wie Versöhnung steht. "Sie war für alle, die ihr nahe standen - zumal für diejenigen, die auf ihre Zurechnungsfähigkeiten angewiesen waren -, ein bedrohlicher Mensch." Solche Sätze über seine Mutter nimmt Antrim nicht mehr zurück. Von ihrem Tod erwartet er sich eine Erleichterung, die sich dann aber nicht einstellt. Erst verstört er durch seine Offenheit, dann fügt er aber so viele andere Bilder (mit den entsprechenden Lesarten) hinzu, sodass man von selbst beginnt, seine Urteile neu zu deuten oder anders zu gewichten.

Seine Mutter, die Künstlerin mit den wild zerzausten Haaren, die Mode entwarf, die niemand tragen konnte, und sich sukzessive in esoterischen Anwandlungen und Paranoia verlor - über sie versucht Antrim immer auch die eigene Identität zu begreifen. Sein sprunghaftes Erzählen, in dem sich Zeiten, Geschichten, Erinnerungen ineinander verkeilen, sucht in den Überresten der Vergangenheit eine neue Gegenwart, im Chaos nach einer neuen Ordnung. Die vielen Umzüge der Familie sind dabei ein weiteres Indiz für die Diskontinuität des Erlebten.

Dennoch findet sich in den sieben Kapiteln des Buches eine erkennbare Struktur. In jedem davon verschiebt Antrim seine Blickrichtung, sucht, über unterschiedliche Figuren, auch indirekt nach einer anderen Perspektive auf seine Mutter, die wie ein Souverän im Zentrum verharrt. Am Beginn wird ihr Tod mit der zunächst seltsam anmutenden Erzählung um die Anschaffung eines Bettes verknüpft. Das Bett, ein Hightech-Produkt, das 7000 Dollar kostet, wird zum Symbol der Unmöglichkeit, sich von ihr und seinen Schuldgefühlen loszusagen. Er findet keine Ruhe. Das mag auf den ersten Blick banal wirken, ist aber gerade durch die Profanität des Gegenstands - das Bett, von dem die Werbung verspricht, dass es ein Leben lang hält - komisch und zugleich ungemein ausdrucksstark.

In anderen Kapiteln liefern Personen aus dem Umkreis der Familie Sicht- und Lebensweisen, die Antrim aufgreift und reflektiert. Etwa sein Onkel Eldridge, bei dem er einige Zeit lang lebte, ein schweigsamer Mensch, der im Kofferraum seines Autos unzählige für ihn bedeutsame Gegenstände aufbewahrte. "Der Kofferraum, so sehe ich es heute, war ein physisches Magazin, eine Art Lager oder Arsenal, in dem mein Onkel Aspekte seiner selbst verbarg, die im Lauf der Jahre zu verbotenen, verleugneten, historischen, vergessenen wurden." Gerade diese Selbstleugnung ist es, die ihn für den Jungen so verführerisch macht. Antrim betrachtet ihn als Vorbild, "der gefühlsleere Mann" stellt für ihn einen Ausweg aus der eigenen Familienhölle dar, die selbst nur in kurzen Momenten aufblitzt. Mutter ist demgegenüber der Versuch, den eigenen Kofferraum auszuleeren, das versteckte Arsenal endlich zu öffnen.

Es geht damit um nichts anderes, als den Rahmen auf das Sichtbare zu erweitern: einen Punkt zu finden, der eine größere Übersicht erlaubt. Nicht von ungefähr finden sich gleich mehrere längere Passagen, in denen Bilder (darunter ein sehr spezielles: ein besonders exzentrischer Kimono seiner Mutter) beschrieben und dekodiert werden. Diese Bilder sind nicht einfach nur als Dokumente signifikant, sie bürgen, paradoxerweise, auch für eine Eingrenzung der Realität. "Wenn wir nur sehen könnten", heißt es einmal, weil die Dias aus alten Zeiten nicht preisgeben, was die Menschen darauf zu ihren Posen bewogen hat. Louannes Kimono mit dem Titel "Die kleine Heldin" wird dagegen zum Ausdruck ihrer Realitätsflucht, ein magischer Umhang, der das Selbst nach außen trägt und damit auch zum Emblem "einer sterbenden Familie" wird. Es sind solche scheinbar partikularen Beobachtungen, Szenen und Objekte, an denen Antrim Bedeutungen festmacht, aber auch Affekte veranschaulicht. Mutter wird auf diese Weise zur außerordentlichen Bergung eines verschütteten Lebens. (Dominik Kamalzadeh/(ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 12./13.8.2006)

  • Donald Antrim: "Mutter. Kein Roman". Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl. € 17,90/238 Seiten. Rowohlt, Reinbek 2006.
    buchcover: rowohlt, reinbek

    Donald Antrim:
    "Mutter. Kein Roman". Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl. € 17,90/238 Seiten. Rowohlt, Reinbek 2006.

Share if you care.