Ente ohne nautische Fähigkeiten

20. August 2006, 17:45
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Noch Meer von den Ducks, und noch immer nicht genug! - "Die tollkühnen Abenteuer der Ducks auf hoher See"

Es war vorauszusehen. Wenn einerseits die Hamburger Zeitschrift mare sich seit Jahren mit dem Thema Meer im weitesten und produktivsten Sinne beschäftigt. Wenn andererseits Denis Scheck, Herausgeber im Mare Buchverlag, ein bekennender Donaldist ist. Wenn drittens der Thriller-Schreiber (Der Schwarm) und Sachbuchautor (Nachrichten aus einem unbekannten Universum) Frank Schätzing, sowieso den Ozeanen zugetan und mit Disney-Comics-Verehrern in einem Boot, weiter im Mare Verlag veröffentlichen wollte. Dann konnte es nicht ausbleiben, dass sich die Aufmerksamkeit aller auf die Familie Duck zu hoher See richten würde.

Und wie! Das Ergebnis ist nicht bloß eine weitere Neuverpackung klassischer Geschichten aus der Zeichenfeder des legendären Carl Barks mit Texten der verehrungswürdigen Erika Fuchs - was schon Grund genug wäre zuzugreifen. Die tollkühnen Abenteuer sind zudem kongenial von Schätzing kommentiert, sorgfältig gedruckt, mit Lesebändchen versehen, in Hardcover mit Leinenrücken serviert - wie es sich für eine Anthologie großer Literatur gehört.

Dass die Enten gerade im Zusammenhang mit Meer gewürdigt und neu herausgegeben werden, liegt zwar nahe. Nicht nur liegt Entenhausen am Pazifik, sind die Ducks also sozusagen in ihrem Element. Es kommt noch die notorische Affinität speziell von Donald hinzu, ersichtlich nicht zuletzt an seiner Matrosenkleidung. Man ist geneigt, urteilt Schätzing, "von Zwanghaftigkeit zu sprechen, von einer neurotischen Fixierung auf das wilde Meer, sozusagen auf unentliche (sic) Weiten".

Dennoch sollte man meinen, dass jemand wie Donald Duck aus seinen Schiffbrüchen und überhaupt seinen geringen intellektuellen wie nautischen Fähigkeiten (wieder eine Einschätzung des Herausgebers, der zuzustimmen ist) die Konsequenzen ziehen und das Wasser meiden würde. Gibt es nicht auch Wüsten am Rand seiner Heimatstadt, in denen er sich austoben könnte, von seinem Nachbarn, Herrn Zornbigel, ganz zu schweigen?

Doch es treibt ihn aufs Meer. Genauer, sein Onkel Dagobert treibt ihn. Dessen Bestreben, Neffen und Großneffen für seine transozeanischen Strategien als Billigstkräfte einzusetzen, führt zu immer neuen und nicht immer erfolgreichen Schiffspassagen. Zehn der 25 Storys beginnen dementsprechend nach dem Schema "Komm doch gleich einmal her! Ich hab eine Arbeit für dich." (Seite 104) Aus dieser simplen, den Gesetzen des freien Arbeitsmarktes hergeleiteten Prämisse entfalten sich wahre Epen, um nicht zu sagen Odysseen. Der launigen Natur ausgesetzt, von den Tiefen der Ozeane mal angelockt, mal in Furcht versetzt, von Feinden wie den rachsüchtigen Tahitianern oder dem erpresserischen Schmu Schubiack junior verfolgt, segelt die Sippe der Ducks über die Weltmeere, um Goldschätze, eine Meerrettichkiste oder auch nur ihr Leben zu retten.

Ihr Witz und ihre Offenheit fürs Scheitern haben die klassischen Reisegeschichten des Carl Barks immer schon von Superhelden-Comics unterschieden. Dennoch folgen auch sie einem gewissen Schema und verlieren sich in Fantasiewelten. Im Buch sind aber auch die Storys mit mehr Bodenhaftung vertreten. Sie spielen in überschaubareren Gewässern, in ihnen geht es direkter und schärfer um die Konfrontation der Kreatur - zumeist in Gestalt des ewig sich cholerisch bemühenden Donald - mit dem Element. Ihm misslingt die schwimmende Überquerung des Ärmelkanals (während er eine Pampelmuse auf einer Nudel balancieren will!), er scheitert als Lebensretter und als Durchquerer auch nur seines eigenen Swimmingpools (zugegeben: bei minus 30 Grad), nicht einmal einen Fisch kann er aus dem vereisten Stadtflüsschen angeln.

In seinen Kommentaren nach jeder Geschichte schießt sich Schätzing manchmal etwas zu sehr auf die (klein)bürgerlichen und (homo)erotischen Verhältnisse der Sippe ein. Dabei wird er einerseits deutlich genug ("Dagobert vögelt sein Geld"), andererseits wäre eine systematischere Einordnung der Geschichten wünschenswert - da sie nicht chronologisch abgedruckt sind, verwirren die Sprünge der Zeichenstile umso mehr.

Wenn wir schon ein wenig am Meckern sind: Als Donaldist freut man sich über jede Episode und weiß, dass das Buch nicht vollständig sein kann. Dennoch vermisst man Klassiker wie den irrtümlichen Schlangenbeschwörer und vor allem die sagenhafte Kohldampfinsel mit ihrem unglücklichen Erforscher des geruchlosen Kohls. Der Rest aber ist große Freude. Und als Bonus-Track gibt es in der beigefügten CD ein Gespräch von Denis Scheck mit Erika Fuchs aus dem Jahr 1994. Besser als jedes literarische Quartett. (Michael Freund/ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 12./13.8.2006)

  • Er ist in seinem Element, doch nicht
einmal einen Fisch kann der cholerische
Onkel im Stadtflüsschen erwischen.
Um die Konfrontation der Kreatur mit den
Elementen geht es in den besten Geschichten
des Disney-Zeichners Carl Barks.
Eine Strandlektüre mit Gewicht.
Carl Barks: "Die tollkühnen Abenteuer der Ducks auf hoher See". Dt. von Erika Fuchs, hg. von Frank Schätzing. € 41,50/494
Seiten. marebuchverlag, Hamburg 2006.
    abb. aus dem besprochenen band

    Er ist in seinem Element, doch nicht einmal einen Fisch kann der cholerische Onkel im Stadtflüsschen erwischen. Um die Konfrontation der Kreatur mit den Elementen geht es in den besten Geschichten des Disney-Zeichners Carl Barks. Eine Strandlektüre mit Gewicht.

    Carl Barks:
    "Die tollkühnen Abenteuer der Ducks auf hoher See". Dt. von Erika Fuchs, hg. von Frank Schätzing. € 41,50/494
    Seiten. marebuchverlag, Hamburg 2006.

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