Rapsodie in Kork

23. August 2006, 15:34
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Monochrome Landschaften wirken äußerst beruhigend auf das Gemüt. Auch wenn sie so überraschend bunt sind wie im portugiesischen Alentejo

Als ob man noch nie Hügelland gesehen hätte, klebt man am Autofenster und kann den Blick nicht abwenden von dem ewigen grünen Spannteppich, der sich vor einem ausbreitet. Auf der Fahrt in den Alentejo Central nach Évora wechselt der Spannteppich auch öfter seine Farben und wird großflächig gelb oder weiß oder violett. "Schuld" an der violetten Verfärbung sind die "maio", Blumen, die in solch rauhen Mengen dort in den Frühlingsmonaten blühen, dass sie die wellige Hügellandschaft über den Horizont hinaus kolorieren.

Die Stein- und Korkeichen mit ihren V-förmig getrimmten ausladenden Ästen prägen das Landschaftsbild. Unterscheidbar sind die beiden Arten für botanisch Minderbegabte ganz einfach an der einstelligen Nummer am dunklen Stamm: Sie gibt bei Korkeichen das letzte Jahr ihrer Schälung an. Dass hier kaum Waldbrände stattfinden, liegt einerseits daran, dass die Bäume nicht sehr dicht aneinander stehen und Korkeichen im Gegensatz zu den in ganz Portugal weit verbreiteten Eukalyptusbäumen einfach schlecht brennen.

Verwaltungstechnisch umfasst der gesamte Alentejo fast ein Drittel des Südens von Portugal und erstreckt sich von der Atlantikküste bis zur spanischen Grenze. Der Alentejo Central als eines von fünf Teilgebieten liegt etwa auf Höhe der Hauptstadt Lissabon. Der Alentejo ist immer noch eine landwirtschaftliche Gegend, die Kornkammer des Landes - eine Rolle, welche die Region zwar mehr oder weniger immer hatte, die aber vor allem während den finsteren Zeiten der Salazar-Diktatur einzementiert wurde. Heute grasen Rinder, Schafe und die feschen, schwarzhäutigen Pata-Negra-Schweine zwischen Eichen und Olivenbäumen.

Kein (Ex-)Portwein

In den 90er-Jahren hat sich das Gebiet innerhalb kürzester Zeit zu einer der wichtigsten Weinbauregionen Portugals gemausert, die Rebflächen haben sich in nur sieben Jahren fast verdoppelt. Viele Weinmacher und -produzenten kommen allerdings von außerhalb. Auch für Großstädter schickt es sich, ein Domizil in der Region zu haben, vielleicht um jagen zu gehen oder auch nur, um auszuspannen und das Leben zu genießen. Man lebe zwar am Land, sei aber dennoch sofort in Lissabon, ist eines der ersten Argumente, wenn es um Fragen von Einsamkeit und Lebensqualität geht.

Ab und an taucht ein Hügel auf, auf dem sich weiße Häuser rund um eine oft extra trutzig aussehende Burg gruppieren, an den Hängen Weingärten. Die leuchtend weiß gestrichenen Häuser sind niedrig und gedrungen, mit dicken Mauern und kleinen Fenstern und Türen, um die Sommerhitze und Winterkälte auszusperren, die des Nachts schon Gefriertemperaturen erreichen kann. Den archäologischen Funden, den historischen Stätten und Bauwerken nach zu schließen, die heute in der Region zahlreich zu besichtigen sind, ist es uraltes Siedlungsland, dem die Römer, die auch den Weinbau hierher brachten, einen ersten Stempel aufdrückten. Die Reste des Diana-Tempels aus dem 2. Jahrhundert in Évora liegen unübersehbar mitten im Stadtzentrum. Auf die Römer folgten die Mauren, die Dörfer und Städte gründeten wie zum Beispiel Moura oder Mértola ganz im Süden des Alentejo, das als die "arabischste" Stadt des Landes gilt. Évora ist eine lebhafte Universitätsstadt mit knapp 45.000 Einwohnern und hat auch auf kulinarischem Sektor einen guten Ruf. Viele Leute kämen extra aus Lissabon, um hier zu essen, erzählt man stolz.

Alles eingetopft

Dass die Bevölkerung der Region eine hart arbeitende war, hat sich auch in der Küche des Alentejo niedergeschlagen. Pata-Negra-Schweine werden nicht nur in Schinkenform dargeboten, sondern auch gegrillt oder gebraten. Regionales Leib- und Magengericht ist "Migas", eine mit würzigem Brot eingedickte Fleischsuppe, die mit Kräutern wie Koriander und Gemüsen verfeinert wird "was hier halt so wächst". Eintopfartiges ist durchaus beliebt, Schweinefleisch wird gerne mit Muscheln vermischt und in einer würzigen Sauce mit Tomaten und Zwiebeln und Kräutern geschmurgelt. Und in einer Art zähflüssigen Semmelknödelmasse werden Garnelen wieder mit Kräutern der Region eingearbeitet.

Évora im Speziellen und die Region im Allgemeinen ist "berüchtigt" für Süßigkeiten. Grund für diese konzentrierte Ansammlung von Kalorienbomben sind die Kirchen und Klöster der Gegend, wo man ja bekanntlich auch in Fastenzeiten Stärkendes zu sich zu nehmen pflegte. Eier, Mandeln, Pinienkerne, Honig, Zimt und seit dem 15. Jahrhundert sehr viel Zucker werden in unterschiedlichsten, aber stets köstlichen Aggregatzuständen serviert. Cericaia beispielsweise, ein omlettartiges Dessert aus Eiern, Mehl, Zimt und Zucker, wird mit eingelegten Zwetschken der Sorte "Ameixa de Elvas" serviert, die übrigens eine DOP-geadelte Berühmtheit über die Regionsgrenzen hinaus sind.

Die beste Reisezeit ist zwar der Frühling, da im Sommer Temperaturen zwischen 40 und 50 Grad nicht unüblich sind. Aber eigentlich müsste man trotzdem zu jeder Jahreszeit dorthin fahren, alleine um der Farben willen. Im Sommer leuchten die Hügel fast eintönig goldgelb, um dann im Herbst rötlich zu werden, eine Monokolorierung, die der Landschaft aber nichts von ihrer Faszination nehmen kann. Das Licht hier ist sehr speziell, sollte man diesen attraktiven Aspekt der Region angesichts all der Kulturschätze übersehen haben: sehr klar und intensiv, da es in diesem nicht besonders dicht besiedelten Gebiet keineswegs von Großindustrien getrübt wird. Und auch das wissen nicht nur (Hobby-)Fotografen und Fallschirmspringer zu schätzen. (Luzia Schrampf, Der Standard, Printausgabe 12./13.8.2006)

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    foto: der standard
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