Bremsen für die Luft?

5. Oktober 2006, 12:29
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Kommentare von Hannes Schlosser und Michael Möseneder

PRO: Kranke Freiheit

In den 1970ern propagierte die deutsche Automobilindustrie samt der zugehörigen Lobby den Slogan "Freie Fahrt für freie Bürger". Entlang der Autobahnen plakatiert, forderte der Spruch zum Rasen auf und war zugleich Unterfutter in der Systemauseinandersetzung mit dem realen Sozialismus. Bis heute sind Elemente dieses Denkansatzes tief in den Gehirnen, vor allem männlicher Autofahrer, verankert.

Eine Stereoanlage nicht bis zum letzten Watt ausquetschen zu dürfen, weil ansonsten ein gedeihliches Zusammenleben mit den Nachbarn nicht möglich ist, erscheint fast allen Menschen logisch und vernünftig. Kaum jemand kommt auf den Gedanken, dass das Ideal der individuellen Freiheitsliebe unter dieser Beschränkung leidet.

Zugegeben, Ursache und Wirkung sind bei dröhnenden Bässen ganz eindeutig zuordenbar. Aber ist es wirklich so schwer anzuerkennen, dass erstens der Pkw zu den krankmachenden Cocktails aus Feinstaub und Stickoxiden beiträgt und zweitens die Emissionen bei Tempo 130 nachweislich höher liegen als bei 80 oder 100 km/h? Man kann beruhigt davon ausgehen, dass die Landesregierungen von Oberösterreich und Tirol die Tempobremse beim Pkw nur ziehen, weil wirklich Feuer am Dach ist. Tatsächlich wären die Landeshauptleute in mittelbarer Bundesverwaltung (und damit in Vertretung der zuständigen Minister) schon längst gesetzlich verpflichtet, gegen die laufenden Grenzwertüberschreitungen etwas zu unternehmen.

Es ist zu begrüßen, wenn es modernste Technik bald ermöglicht, Limits nicht nur nach der Jahreszeit, sondern auf die Stunde genau dann zu verordnen, wenn es Verkehrsdichte und Wetter erfordern. An der Einsicht in die Notwendigkeit, dass die Gesundheit anderer ein höherwertiges Gut ist, als selbst drei Minuten früher Linz zu erreichen, führt aber kein Weg vorbei.

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KONTRA: Schilder-Komplex

Wenn Schilder Minderwertigkeitskomplexe entwickeln könnten, wäre die Tafel am Rande der Westautobahn in Wien-Auhof ganz sicher die erste Patientin. "Dem Wienerwald zuliebe - freiwillig Tempo 80" wird der Autofahrer gebeten, der aber an dieser Stelle gerade mit Beschleunigen beschäftigt ist. Schließlich ist man froh, den zähflüssigen Verkehr auf der Stadtausfahrt hinter sich zu haben. Und endlich aufs Gas steigen zu können, Baumbestand hin oder her.

Knapp 160 Kilometer weiter westlich werden bald die nächsten Kandidaten für die Schilderpsychologen warten, soll doch zwischen Enns und Linz ein neues Tempo-100-Limit eingeführt werden. Auf einer erst in jüngerer Vergangenheit auf drei Spuren ausgebauten A1 mit zwei Hügeln, auf denen sogar ein VW-Käfer bergab spielend 135 Stundenkilometer schafft. Wie viele Autofahrer sich an diese zum Schutz der Bevölkerung vor der Luftverschmutzung verhängte Beschränkung halten werden? Wohl ebenso viele wie in Auhof - keiner.

So schwer das Gesundheitsargument auch wiegt: Die wenigsten Lenker werden verstehen, warum sie auf einer leeren, perfekt ausgebauten Autobahn, die nicht direkt durch dicht verbautes Gebiet führt, fast 20 Kilometer lang nur 100 statt 130 fahren sollen. Die einzige Möglichkeit ist wohl, die Straße mit Section Control, Radarboxen und Polizisten vollzustopfen und Temposünder rigoros zu strafen.

Tafeln aufstellen alleine ist da zu wenig. Denn der durchschnittliche Autolenker goutiert eine verordnete Zurückhaltung des Gasfußes kaum. Klüger scheint es da, Verkehrsbeeinflussungsanlage zu forcieren und die Umwelt-Bremse nur wenn nötig wirksam werden zu lassen. Oder so ehrlich zu sein und angesichts steigender Verkehrsdichte und schlechter Luft die Höchstgeschwindigkeit gleich generell auf 110 zu drosseln. (Hannes Schlosser, Michael Möseneder/DER STANDARD-Printausgabe, 12./13.08.2006)

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