Überleben mit Stil

17. August 2006, 14:22
7 Postings

Greg Dulli gastiert mit seiner neuen Band The Twilight Singers erstmals in Österreich - der frühere Frontmann der US-Grungerocker Afghan Whigs im STANDARD-Gespräch

Karl Fluch sprach mit Dulli über das Songschreiben, Soul und seine - neben Los Angeles - zweite Heimatstadt New Orleans.


Wien - Fragt man Greg Dulli heute, ob er sich als Überlebender fühlt, zählt sein "Definitly!" zweifach. Einmal musikalisch: Schließlich zählt er zu den wenigen Musikern aus der Grunge-Ära, die noch relevante Musik machen - mit seiner Band The Twilight Singers.

Zum anderen ganz existenziell: Denn Dulli, einst Sänger der Afghan Whigs, hat sich in den 1990ern einem Lebensstil verschrieben, den etwa sein Freund Kurt Cobain nicht überlebte. Neben seinem Image als wilder Hund galt er als einer der wenigen Grunger, die ein tieferes Interesse an Musik hatten und etwa alte Soul-Balladen interpretierten. So lernte er Mark Lanegan kennen.

Dulli: "Wir haben uns auf einer Party bei Kurt Cobain kennen gelernt und herausgefunden, dass wir eine Vorliebe für Blues und Soul teilen. Das war eher selten im Alternative-Music-Universum."

Lanegan, herausragender Solokünstler und begnadete Leihstimme der Heavy-Rock-Götter Queens Of The Stone Age, gilt selbst als eine Figur, die einem Tom-Waits-Song entsprungen sein könnte, der irgendwo spät nächtens in einer schummrigen Bar spielt. Lanegan begleitet Dulli auf seiner Tour, die die Band mit ihrer vierten CD - Powder Burns - nun auch nach Österreich führt. Woher kam dieses Interesse an alter Musik? "Meine Mutter hat ständig Soul gehört: Stax, Motown - damit bin ich aufgewachsen. Erst später entdeckte ich die Rolling Stones oder Bob Dylan. Meine ersten eigenen Songs schrieb ich zur Musik von Soulmusikern wie Joe Tex oder O.V. Wright."

Nach dem Split der Afghan Whigs Ende der 1990er gründete Dulli die Twilight Singers. Das erste Album (2000) war ein Crossover-Versuch mit den britischen Downtempo-Stars Fila Brazillia. Das Ergebnis war bescheiden.

Dulli: "Trotzdem war es spannend, und möglicherweise riskiere ich es nächstes Jahr wieder mit Fila." Es folgte Blackberry Belle (2003), ein obsessives Album zum Thema Liebe und ihre Abgründe. Obwohl vielen der Songs Bluesstimmungen zugrunde lagen, entwickelten sie sich meist zu krachenden Rocksongs.

Dulli: "Songschreiben ist eine einsame Arbeit am Klavier oder an der Gitarre. Jeder Song beginnt als fragiles Etwas. Aber für den emotionellen Input ist es mir wichtig, das Ganze hochzufahren." Powder Burns spielte der 42-Jährige im Vorjahr in seiner zweiten Heimatstadt New Orleans ein. Es ist ein für Dulli optimistisches Album geworden, das sogar die New York Times in höchsten Tönen lobte.

Wie hat er die Zeit nach Hurrikan "Katrina" erlebt? Dulli: "Für jeden dort war klar, dass die Ignoranz der Behörden rassistisch motiviert war. Die Opfer waren zu 80 Prozent schwarz. Wäre das in Boston passiert, niemand wäre eine Woche später noch auf seinem Dach gesessen und hätte auf Hilfe gewartet. Es war ein Riesenunglück, aber die Reaktion war eine Frechheit. Den religiösen Fundamentalisten ist der dortige Lebensstil ein Dorn im Auge - ebenso die Tatsache, dass die Stadt alle Änderungsbestrebungen kategorisch ablehnt. Genau dafür liebe ich sie." (Karl Fluch /DER STANDARD, Printausgabe, 12./13.8.2006)

Twilight Singers live:
15. 8., 20 Uhr im Flex
1010 Wien,
Donaukanal/Augartenbrücke
  • Greg Dulli, Überlebender der Grunge-Ära, gastiert nächste Woche mit seiner Band The Twilight Singers erstmals in Österreich.
    foto: one little indian/hoanzl

    Greg Dulli, Überlebender der Grunge-Ära, gastiert nächste Woche mit seiner Band The Twilight Singers erstmals in Österreich.

Share if you care.