Gutiérrez Colosía – Klein, aber fein

13. August 2006, 17:30
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Das Familienunternehmen Gutiérrez Colosía in El Puerto de Santa Maria beeindruckt nicht nur mit ihrer im Originalzustand erhaltenen Bodega aus dem Jahre 1838. Ein Porträt in Teil 24

Der ursprüngliche Almacenista-Betrieb stand 1997 aufgrund der Krise der großen Sherryhäuser vor der Alternative seinen Betrieb aufzugeben und Grund und Boden zu veräußern (was auf Grund der ausgezeichneten Lage sicherlich ein gutes Geschäft gewesen wäre) oder das Experiment der eigenen Vermarktung zu wagen. Zum Glück entschieden sich Juan Carlos Gutiérrez Colosía (der praktisch sein ganzes Leben in der Bodega verbrachte und verbringt) und seine charmante Gattin Carmen für die zweite Möglichkeit und widerstanden der Verlockung des schnellen Geldes.

Einzigartige Lage

Die 1838 erbaute Bodega (de facto im Originalzustand erhalten – bis auf die „neumodernen“ Stromleitungen) hatte im Laufe der Jahre verschiedenste Eigentümer und wurde schließlich Anfang des 20. Jahrhunderts von José Gutiérrez Dosal (dem Urgroßvater des heutigen Besitzers) gekauft und wurde 1969 durch den Kauf des Palastes des Grafen von Cumbrehermosa erweitert.

Die Bodega hat das Privileg, als einzige in El Puerto de Santa Maria direkt am Fluss Guadalete zu liegen, dabei eine perfekte Meerausrichtung zu haben und damit optimal vom feuchten Poniente profitieren zu können. Wie bedeutend und einflussreich diese Lage ist, lässt sich auch daran erkennen, dass die Bodega im Gegensatz zu den Kollegen in Jerez auf den sonst so – für die Luftfeuchtigkeitsregulierung - wichtigen Sandboden verzichten kann und statt dessen einen Steinboden (Piedra de Tarifa) hat, da die Luftfeuchtigkeit auch so hoch genug ist (z. B. betrug diese am 9. August 78 % - und das ohne jegliche Hilfsmaßnahmen! – und der Florhefefilm war mehr als gesund und intakt)

Hand made

Aufgrund der Betriebsgröße (rund 1.000 Fässer) versteht es sich von selbst, dass de facto, vom Umziehen – das hier beim Fino z. B. bis zu acht Mal pro Jahr erfolgt – angefangen, alles von Hand erfolgt. Der Kellermeister meint, das spüre man auch im fertigen Produkt (siehe dazu meine Anmerkung zur mehr oder weniger gleichen Aussage bei El Maestro Sierra in Teil 22). Beim Fino legt man hier auch Wert darauf, ihn möglichst wenig, bzw. sanft zu filtrieren, um ihn nicht komplett seiner Identität zu berauben (wobei ich vorweg sagen muss, dass er auch hier im Fass um einiges komplexer und besser ist – leider füllt die Bodega keine En Rama-Version, aber das kann sich ja noch ändern).

Romerijo

Und wenn sie schon in El Puerto de Santa Maria sind und nach dem Bodegabesuch Hunger bekommen sollten, hier meine 2 Lieblingslokale: Romerijo (Adresse, Telefon etc. siehe www.romerijo.com), nur einen kurzen Spaziergang den Guadalete stadteinwärts entlang entfernt. Hier finden sie Meeresfrüchte jeglicher Art und Herkunft, entweder gekocht oder frittiert, die sie entweder a la Carte am Tisch bestellen können, oder aber sie machen es wie der Einheimische und holen sich vom Verkaufstresen 100 Gramm- oder Viertelkiloweise, in Papiertüten verpackt, was sie möchten und setzen sich damit an einen der zahllosen Tische und lassen sich dazu einen Fino aus Puerto servieren (auch wenn das Lokal den Fino von Gutíerrez Colosía nicht führt, aber Osbornes La Quinta ist ja auch keine schlechte Wahl). Probieren Sie einmal im direkten Vergleich z.B. Gambas aus Spanien, Marokko und Mauritius – sie werden ob der extremen Geschmacksunterschiede überrascht sein.

Sollte ihnen das alles zu rustikal sein und sie lieber die etwas feinere Klinge (und den dazupassenden Rahmen) bevorzugen, empfiehlt sich als Alternative das El Faro del Puerto (siehe www.elfarodelpuerto.com ) – das höchstbewertetste Restaurant im Umkreis von 100 Kilometern mit einer rund 400 Positionen umfassenden Weinkarte, das mit Fernando Cordoba einen der besten Köche Südspaniens am Herd stehen hat. Unbedingt reservieren!

Die Weine
(verkostet am 20. März, wiederverkostet am 9. August)

  • Fino
    im Glas strahlend, sehr frische Apfelnase, ausgeprägte Puerto-Jod-Aromatik, sehr fruchtiger Eindruck, etwas Heu, am Gaumen erfrischende Salz-Jod-Noten, man merkt förmlich die Frische der Füllung (der Wein war im März gerade 2 Wochen auf der Flasche, das heißt gerade richtig um den Füllschock bereits verdaut zu haben), leichte Bittermandel, sehr cremig, geht auf, salzige Jod-Noten dominieren den langen Abgang. Fino aus Puerto wie aus dem Lehrbuch (auch wenn wie gesagt die Fassversion dem Produkt in der Flasche deutlich überlegen ist)
    8,5 Punkte

  • Amontillado
    Helles Bernstein, in der Nase frische Nüsse, Haselnuss, etwas Olive, sehr würziger Eindruck, Finoaromatik stets präsent, etwas Bitterschoko, staubtrocken, breitet sich am Gaumen aus, wird cremig, präzise Salznoten, die wunderbar mit den Nussaromen harmonieren, bleibt lange stehen
    8 Punkte

  • Palo Cortado
    Besitzt trotz seines Alters (über 50 Jahre!) eine unglaublich jugendliche,friche Nase, viel Nuss, etwas rauchige Noten, „Geselchtes“ (aber vom Feinen!), am Gaumen herrliches Salz-Süße (Glyzerin)-Spiel, etwas Kokos, sehr breit, aber fein ziseliert, die Salz-Süße-Kombination bleibt ewig stehen
    9 Punkte

  • Oloroso
    Sehr helle Farbe (für Oloroso), sehr würzige Nase, Nuss mit dunkler Schoko, trockener Eindruck, etwas adstringierend, Rauchspecknoten, Dörrobst, Kräuter, sehr voller Körper, bleibt lange stehen
    7,5 Punkte

  • Oloroso Cream
    PX bereits in Nase klar erkennbar, auch am Gaumen im Vordergrund – überdeckt aromatechnisch etwas den Oloroso, Süße sehr gut integriert, drängt sich nie nach vorne, Nussschokotorte mit einem Schuss Brandy, Nougat und etwas Orange
    6,5 Punkte

  • Moscatel
    Konzentrierte Frucht pur, Orangen, Südfrüchte, eingekochte englische Orangenmarmelade, rauchige Noten, sehr vielschichtig, Zucker perfekt integriert, wirkt trotz seines Restzuckers von über 200 g relativ trocken, ganz leichte salzige Aromatik, sehr lang und vielschichtig, dieses Fruchtkonzentrat ist fast nicht mehr aus dem Mund zu bekommen
    8,5 Punkte

  • Pedro Ximénez
    Feine Bitterschokonoten, sehr dicht, aber nicht eingedickt, viele Kräuter, sehr würzig in der Nase, Süße gut eingebaut, wirkt niemals pappig süß, viel Dörrobst, etwas Minze, auch am Gaumen sehr spicy, feines Würze-Süße-Spiel im sehr langen Abgang
    8 Punkte

    Neben den oben beschriebenen Weinen verfügt die Bodega weiters über teils beeindruckende Schätze, wie uralte Amontillados, Olorosos und Pedro Ximénez, die allerdings auf Grund der geringen Menge leider so wohl nie in den Verkauf kommen werden.

    Aber die gute Nachricht zum Schluss: die beschriebenen Weine sind großteils (bis auf den Cream und den Moscatel) diesmal auch ganz einfach in Österreich zu beziehen – unter www.kuranda.at (Klaus Hackl)

  • Gutiérrez Colosía
    Avda. Bajamar, 40
    11500 El Puerto de Santa Maria
    Tel. +34 956 852852
    info@gutierrez-colosia.com
    www.gutierrez-colosia.com
    • Artikelbild
      foto: gutiérrez colosía
    • Privilegierte Lage direkt am Guadalete.
      foto: gutiérrez colosía

      Privilegierte Lage direkt am Guadalete.

    • Artikelbild
      foto: gutiérrez colosía
    • Artikelbild
      foto: gutiérrez colosía
    • Der Besitzer Juan Carlos Gutiérrez Colosía.
      foto: gutiérrez colosía

      Der Besitzer Juan Carlos Gutiérrez Colosía.

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