Monster, Chronisten und Sciencefiction

17. August 2006, 14:39
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Raymond Depardon, Fotograf und Dokumentarfilmer, kuratierte für das Fotografie-Festival "Rencontres d'Arles"

Arles – Römische Bauwerke wie ein Amphitheater, eine Stierkampfarena oder die pittoreske Place Lamartin, an der sich das von Vincent van Gogh gemalte Café de la nuit befindet, sind Sehenswürdigkeiten von Arles, die jedes Jahr tausende Touristen anlocken. Eine Klischeebild der Provence, beinahe, das allerdings angenehm entspannt vermittelt wird. Selbst im Hochsommer liegt über der Stadt noch ein Rest von Gleichmut. Eine andere Möglichkeit, Arles zu erkunden, bieten die Rencontres d’Arles, eines der renommiertesten Festivals für Fotografie, das jeden Sommer diverse Orte der Stadt als Bühne beansprucht. Von der Kathedrale über kleine Hinterhöfe und kühle Palais bis zum Hauptausstellungsgelände, dem ehemaligen Bahnbetriebswerk, zieht sich dieser Marathon der Bilder, in diesem Jahr bereits zum 37. Mal.

Die jeweilige Ausrichtung des Festivals gibt ein Gastkurator vor, der mit dem Fotografen und Dokumentarfilmemacher Raymond Depardon heuer besonders prominent besetzt war. Depardon begann als Pressefotograf, er arbeitete unter anderem für die Magnum-Agentur und begründete dort eine Methode mit, die sich nicht mit der schnelllebigen Darstellungen von Krisengebieten begnügte, sondern eine nachhaltige Beschäftigung mit gesellschaftlichen Phänomenen suchte – ein Ansatz, den er in Filmen (zuletzt "10éme chambre, instants d’audience" über die Arbeit eines Gerichts) noch vertiefte.

Für die Rencontres wählte Depardon gleich drei größere Programmblöcke aus. Der erste gilt US-amerikanischen Fotografen, die ihn maßgeblich beeinflusst haben, der zweite ist ein Tribut an seine Gefährten, der dritte widmet sich gegenwärtigen Tendenzen. Insgesamt ergab das ein eindringliches Panorama über die jüngere Geschichte der dokumentarischen Fotografie.

Walker Evans' Bilder von Farmerfamilien in Alabama, die Beat-Dokumente von Robert Frank und seine Streifzüge durch die USA oder Diane Arbus' Porträts von Außenseitern gelten längst als Klassiker. In Verbindung mit Depardons "Travelling Companions" eröffnen sie zeitliche Perspektiven. Fotografen wie der verschmitzte Pariser Gesellschaftschronist Guy Le Querec, Gilles Caron und Don McCullin, zwei Kollegen, die vornehmlich an der Front diverser Kriegsschauplätze arbeiteten, oder auch David Burnett, dessen Politikerporträts Augenblicke festhalten, in denen die Dargestellten scheinbar kurz auf das Repräsentieren vergessen haben, setzen, bei aller Diversität, eine ästhetische Tradition fort, in der der eigene Standpunkt stets kritisch mitreflektiert wird.

Eine eigene kleine, aber exzeptionelle Werkschau galt dem südafrikanischen Fotografen David Goldblatt, der die Apartheid – und damit das wechselvolle Bild seines Landes – von Anfang bis Ende festgehalten hat. Auch bei ihm fehlt jedes Kalkül mit dem Sensationellen. Goldblatt rückt die Menschen in ihr soziales Umfeld, das dann gleichsam vom Rand des Bildes ins Zentrum wirkt. Seine Serien über die Arbeitsbedingungen von Schwarzen, die jeden Tag von den Homelands in weit entfernte Goldminen anreisen mussten, sind eindrucksvolle Dokumente einer rassistischen Bürokratie.

Ganz anders die Bilder des Schweden Anders Petersen, die in scharfen Kontrasten Menschen am Rande der Gesellschaft zeigen und dabei eine fast surreale Qualität entfalten. Depardon nennt ihn "ein Monster der positiven Energie" – betrachtet man die Prostituierten, Streuner und Gestrandeten, dann fällt auf, dass diese Kraft aus dem Blick der Gezeigten zurückstrahlt. Als wahre Entdeckung muss Philippe Chancels Serie über Nordkorea bezeichnet werden. Er zeigt Alltagszenen des Landes, Menschen auf leeren Straßen, deren Bewegungen wie von fremder Hand inszeniert wirken. Durch die strenge Komposition wirkt das Gewöhnliche mit einem Mal unheimlich, man meint, dass die Diktatur hier bis in die Koordination der städtischen Abläufe reicht. Sciencefiction, nach der Arles wie ein gallisches Dorf aussieht. (Dominik Kamalzadeh / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.8.2006)

Bis 17. September, Infos unter rencontres-arles.com
  • Annäherung an Afrika: Don McCullins Porträt einer äthiopischen Eingeborenen
    foto: rencontres

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Der Botschafter der Tuareg: ein Bild von Jean-Marc Durous Serie aus Tenere
    foto: rencontres

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Diskret: Dominique Issermanns Foto von Laetitia Casta.
    foto: rencontres

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  • Starke Kontraste: eines von Anders Petersens kraftvollen Außenseiterporträts
    foto: rencontres

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