Apocalypse Now!

10. August 2006, 17:38
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Körper als Fetisch: Ismael Ivo "Apocalypse" - Weniger spektakulär, doch klug: "50/50" von Mette Ingvartsen

Den (ewig jungen, eigenen) Körper als Fetisch präsentiert Ismael Ivo in seiner Choreografie "Apocalypse" bei ImPulsTanz in Wien zur Musik des Pianisten Takashi Kako. Weniger spektakulär, doch klug: das Solo "50/50" der 27-jährigen Dänin Mette Ingvartsen.


Wien – Ismael Ivo ist bis in die letzte Faser seines blendend aussehenden Körpers ein toller Tänzer. Bei dieser Feststellung könnte man eine Besprechung seines Solowerks "Apocalypse", das nun in einer Wiederaufnahme bei ImPulsTanz zu sehen ist, eigentlich bewenden lassen. Eventuell wäre noch anzufügen, dass das 1989 in Tokio uraufgeführte Stück in Zusammenarbeit mit dem Pianisten Takashi Kako unter der Regie von Ushio Amagatsu, Chef der Edelbuto-Company Sankai Juku, entstanden ist – und dass das Publikum den drei Berühmtheiten üppig Beifall gespendet hat. Aber Takashi Kakos schwarzer Hut fordert noch einen Zusatzgedanken.

Wie ein Westernheld sitzt der Klavierspieler auf der Bühne am Flügel und begleitet den 56-jährigen Tänzer, der eine Art Frotteehandtuch um die Lenden trägt. Das ist schön: Zwei Kumpel haben sich im Jahr des Mauerfalls zusammengefunden, um ihrem Publikum etwas über die Apokalypse zu erzählen.

Inbrünstig führt Ivo eine Selbstzerfleischung vor, vom Erwachen zum Menetekel, vom ekstatischen Überschreiten der Grenze von Eros zu Thanatos in Ausweglosigkeit und Wahnsinn. Dazu erfindet Kako theaternebelhafte Klänge, die sich zu finsteren Gewittertürmen ballen und schließlich in einer Kakophonie entladen, die der Virtuose wie Salven aus seiner Tastenkonsole ballert. Unter diesem Beschuss zucken Körper samt Frottee des Untergehers, der sich verbiegt und in ein irres Lächeln versackt.

Huldvoll lächelnd

Im Prasseln der Ovationen kommt das Lächeln wieder. Jetzt ist es huldvoll. Langsam, unendlich künstlich, verbeugt sich der Tänzer und macht so die eigentliche Geschichte seiner Arbeit sichtbar. Und die handelt vom Sieg des virtuosen Körpers. Nicht einmal Kakos halbautomatische – das Klavier kann auch ohne seinen Spieler weiterklimpern – Saitenwaffe kann ihm etwas anhaben. Die Apokalypse ist nicht mehr als das Baumaterial für eine Apotheose. Ismael Ivo zelebriert sein Fleisch als Fetisch. So hebt der Niedergang der Figur ihren Darsteller mit all seinen dekorativen Muskeln und seiner schweißtropfenden, dunklen Haut als exotische Pretiose ins Sauna-Traumreich von Men’s Health.

Das passt auch, denn der Tänzer ist ein Produkt der Eighties, als Hedonismus und Fitnesskult losbrachen. So bricht der Anblick von Ivos Karosserie die Herzen der stolzesten Frau‘n (und Männer). Das Produkt passt ergo in die Römerquelle-Werbung ebensogut wie auf die Bühne. Der Applaus hat sicher der Überwindung der Apokalypse durch die Apotheose gegolten. Und vielleicht auch Takashi Kakos verwegenem Hut.

Ziemlich klug

Randnotiz: Das Solo "50/50" der 27-jährigen Dänin Mette Ingvartsen im Schauspielhaus spielt mit Performancefunktionen, die Ismael Ivo nicht bewusst zu sein scheinen. "50/50" ist voller Spiele mit den ungeschriebenen Vereinbarungen zwischen Performer und Publikum, verwegen, lustig und ziemlich klug. Nicht spekulativ und naiv wie Ivos Werk, kein Untergang sondern eine Offenbarung. So belebt Ingvarsen die Sinne, nicht Ivo. (Helmut Ploebst / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.8.2006)

ImPulsTanz-Endspurt:

Fr. 21 Uhr: Ismael Ivo "Apocalypse" letztmalig im Volkstheater

Fr. 23 Uhr: Akemi Takeya/Rechenzentrum: "So What", Kasino am Schwarzenbergplatz

Fr./Sa. 20.30 Uhr: "An Evening With P.A.R.T.S." (junge Choreogr.), Schauspielhaus

Fr./Sa. 23 Uhr: Salva Sanchis & Bruno Vansina Trio, "Double Trio Live Vienna", Porgy & Bess).

Sa./So. 21 Uhr: Jérôme Bels "Pichet Klunchun and myself", Akademietheater.

Sa. 23 Uhr: Salva Sanchis & Bruno Vansina Trio: "Double Trio Live Vienna", Porgy & Bess

So. 23 Uhr: Frans Poelstra & Robert Steijn in "I am... in concert" im Kasino Schwarzenbergplatz. Einmal züchtig verhüllt: Ismael Ivo, der Mann mit dem Körper, der die Apokalypse zur Apotheose wandelt.

  • Artikelbild
    foto: impulstanz
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