Golf im Park

23. August 2006, 09:29
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Der Satz, dass man noch Sex habe und deshalb noch nicht Golf spiele, funktioniert nicht mehr

Es war heute früh. Und vermutlich werde ich da so rasch nicht rauskommen. Unter anderem auch, weil mein Laufkumpan sich irgendwas am Knöchel eingefangen hat (meine Diagnose: morbus faulis), sich nur mehr im Schritttempo bewegen will und auch das am liebsten mit längeren Pausen. Und weil ich ihm letzte Woche gestanden hatte, dass das Schnupper-Golfen letztens gar nicht soooo grässlich war und es derzeit in der Früh im Burg- und Volksgarten relativ wenige Tai-Chi oder Yoga-Gruppen gibt.

Wir könnten doch, hatte der lahme Läufer da gemeint, einmal eine Runde Parkgolf einschieben. Frühmorgens. Das wäre doch mal was anderes, das Equipment könnten wir sicher wo ausborgen – er sei ohnehin neugierig, wie sich golfen so anfühle. Denn, das hatten wir mit leichtem Erstaunen im Laufe der letzten paar Jahre feststellen müssen, den blöden Sager, dass unsereiner nicht Golf spiele, weil man noch Sex habe, können wir langsam aber sicher einmotten – oder aber riskieren, Freunde zu beleidigen. Und sie auf Golfplätzen zu verlieren.

Hauptsache weit

Als ich dann vorletztes Wochenende von irgendeinem Pro auf einen Platz – also auf jene Teile, auf die man Leute wie mich lässt – gestellt wurde, war das zunächst öd: Putten, Einloch-Mikado ist nicht wirklich meins. Aber Bälle möglichst weit in die Landschaft pfeffern? Das kann was. Vor allem, wenn man irgendwann nicht mehr pflügt, sondern trifft. Und von einem spitzbübischen Spieler am Nebenabschlagplatz statt eines – wie ich lernte dozierte - Siebener-Eisens ein Dreier-Holz in die Hand gedrückt bekommt: Mit so einem Ding, staunte ich selbst, schaffe ich 150 bis 200-Meter-Schüsse. Vorausgesetzt, mir ist wurscht, welche Flugbahn der Ball nimmt. Aber da ich die Bälle eh nicht suchen/einsammeln muss, war mir die Streuung ziemlich wurscht.

Mein Buddy, vormals Mitläufer, war dann natürlich neidig geworden: Er wolle auch sinnlos draufhauen – und dazu behaupten können, dass das etwas ganz ganz Kultiviertes sei. Und in England habe er – erstmals damals, in der Steinzeit, als Sprachaustauschschüler – gesehen, wie unprätentiös man Golf in kleineren Städten spielte: Der Unterschied zwischen Golfplatz und Park- oder Naherholungsgebiet war, erzählt er, meist fließend gewesen, wer wollte, zog eben mit Schlägern und Bällen seine Runde.

Kein Protokoll

Genau das, erklärte mein Golf- oder Laufkumpan, strebe er auch für hierzustadt an: kein teurer Club, kein schnöseliges Kleidungsprotokoll – sondern einfach ein Mann mit seinen Schläger. Mitten in der Landschaft: er wisse zwar, dass es auch in Wien Extrem- oder Crossgolfer gäbe – aber seine bevorzugte Stadtlandschaft läge nicht auf der Nordbahnhofgstetten, beim Donauturm oder sonst wo abgelegen, sondern innerhalb des Gürtels. Meist sogar innerhalb der Ringstraße. Außerdem wären wir doch beide bereits in einem Alter, in dem wir auf Etiketten wie „Szene-„, „Extrem-“ oder „Crossover“ verzichten könnten. Theoretisch.

Ich hatte nicht aufgepasst – und das „wir“ überhört. Und beim Hinweis darauf, dass beim Golfen das größte Handicap ja wohl die dafür nötige Zeit sei, brav abgenickt. Prompt klingelte heute um halb sieben Uhr morgens mein Telefon: Er wäre jetzt gestellt, erklärte mein einstiger Mitläufer. Ich solle das Laufzeug wieder aus- und normale Kleidung anziehen – er käme jetzt vorbei. Mit Schlägern und Bällen. Und er freue sich darauf, im Volksgarten, das Burgtheater im Rücken, einen Abschlag zum Theseustempel zu üben. So zeitig in der Früh ­ das wüssten wir ja beide – wäre das ungefährlich.

Ich tat, als sei der Empfang gerade ganz schlecht. Und legte auf. Dann lief ich eine ganz andere Route als sonst. Als ich nach Hause kam, war meine Mailbox voll: Die Sache mache echt großen Spaß. Ich möge zurück rufen. Aber ich trau mich einfach nicht.

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