Der Zweck des Kapitalismus

22. August 2006, 09:55
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Wolf Lotter plädiert in "Verschwendung" für mehr Mut zum Risiko und gegen das "Sparen am falschen Platz"

"Geiz ist geil"; "Spare in der Zeit, dann hast du in der Not" - Diese Sprüche kennt man. Nur zu gut, meint Wolf Lotter. Der deutsche Wirtschaftsjournalist und Mitbegründer des Magazins "brand eins" will deshalb nun dieser "Geiz ist geil"-Mentalität, dem oft totgesagten, noch öfter weiter beschworenen Schlagwort der letzten Jahre, mit seinem neuen Buch "Verschwendung" den Kampf ansagen.

Man braucht bei der Lektüre allerdings einige Zeit, bis man dahinter kommt, was Lotter mit dem titelgebenden Begriff eigentlich genau meint: Nämlich nicht das unbedachte Geldausgeben ohne erkennbaren Sinn oder Nutzen, also das "Vergeuden" oder auch "Verprassen"; er stellt sich vielmehr gegen jedes erdenkliche "Horten" von größeren Geldmengen - sei es von Firmen oder Privaten. "Wirtschaft braucht Überfluss", so der Untertitel des Buches; der Geldkreislauf muss ständig am Laufen gehalten werden, meint der Autor, dann funktioniere die Trias "Kapitalismus-Vielfalt-Verschwendung" wie ein "Perpetuum mobile". Mehr noch: "Die Verschwendung ist der eigentliche Zweck des Kapitalismus."

Eine Lanze für das Grundeinkommen

"Verschwendung" im Sinne eines verantwortungsvollen, forcierten Konsums sei deshalb die "Grundlage jeder Erneuerung" und eine "Konstante des Kapitalismus", so der Autor. Doch die Kraft dieses Konsumismus ist bedroht, solange das Einkommen an Erwerbsarbeit gekoppelt ist - letztere gehe nämlich aus, so Lotter. Die Beibehaltung dieser Koppelung wäre deshalb "schlicht Selbstmord", die Forderung nach einem erwerbsunabhängigen Grundeinkommen nur folgerichtig. Und im Übrigen spreche auch "nicht allein Moral, auch die Vernunft" für diese Idee.

Dass Lotter in seinem Buch auch eine Lanze für das vom US-Ökonomen Bruce Ackerman entwickelte Modell einer "Bürger-Erbschaft" bricht - 80.000 Dollar als "Starthilfe" für jeden Achtzehnjährigen, damit jeder Bürger und jede Bürgerin die gleichen ökonomischen Voraussetzungen hat -, ist da nur logisch und konsequent.

"Ora et labora"

Im Kapitel "Die Geschichte der Verschwendung" geht Lotter der Herkunft der so genannten "Knappheitsethik", die Verschwendung und Vielfalt als verpönt erachtet, auf den Grund - und landet dabei im frühen Christentum. Schon der Apostel Paulus habe "niemanden essen sehen wollen, der nicht arbeitet", so Lotter. Über Pflicht und Motto des Benediktinerordens - "bete und arbeite" - wurde diese Ethik über das Mittelalter bis ins Heute verfrachtet.

Doch "die Vorstellung von einer Zukunft, die von nichts anderem geprägt ist als von Mäßigung und spießiger Zurückhaltung, wird keinen Rahmen für neuen Fortschritt liefern", schließt Lotter. Ein "auf Konsum und permanente Innovation ausgerichtetes Gemeinwesen" sei deshalb heute die einzige funktionierende Basis für einen Staat.

Zu diesen "Innovationen" zählt Lotter übrigens auch die Schwarzarbeit, weil das Geld, das auf diese Weise - an der Steuer vorbei - erwirtschaftet wird, zwangsläufig wieder in den Konsum investiert werden müsse - wobei dann ohnehin Mehrwertsteuer anfalle. Lotter spricht sich in der Folge ganz explizit für höhere Konsumsteuern - also die Mehrwertsteuer - aus, wenngleich er einräumt, dass über die Frage, ob höhere Konsumsteuern die Steuern auf Arbeit und Lohn künftig ersetzen sollen, auf längere Sicht keine Einigung zu erzielen sein wird.

Die Natur verschwendet auch

Verschwendung: Für Lotter heißt das also vor allem Mut zum Risiko und zum Neuen. Und wo Verschwendung herrscht, tun sich schließlich nicht nur neue Möglichkeiten für den "Verschwender" auf, "sondern es fällt auch reichlich für andere ab".

Das Argument, dass zügelloser Konsum auch negative Seiten - etwa vermehrte Umweltverschmutzung und -zerstörung - haben kann, lässt Lotter dabei so nicht gelten: Natur ist weder gut noch böse, sie ist nicht effektiv, aber effizient. Und vor allem: Sie verschwendet selbst, immer. Im Übrigen seien die Warnungen vor der "Apokalypse", vor dem nahenden Ende der Ressourcen, "von einer tiefen Skepsis gegenüber dem System, dem die meisten Menschen in der so genannten Ersten Welt ihren Wohlstand verdankten, der Industrie und den von der Industrie bestimmten Dienstleistungssektoren", geprägt - ein zumindest sehr provokanter Ansatz.

Fazit

Zu einem glasklaren, unmissverständlichen Aufruf, etwa an die Chefs börsenotierter Unternehmen, in Zeiten forcierter Aktienrückkäufe und auf kurzfristige Gewinnmaximierung ausgerichteter Strategien dieser "Geiz ist geil"-Mentalität Einhalt zu gebieten, lässt sich Lotter nicht hinreißen; schließlich greift seine Kritik viel weiter als nur bis in die Vorstandsetagen und setzt beim Konsumenten, dem mündigen Bürger, an, dessen "Zeitalter der Verantwortung" nun endgültig angebrochen sei. Dennoch möchte man das Buch, trotz seines auf den ersten Blick scheinbar "unmoralischen" Titels, auch gern so manchem Firmenchef aufs Nachtkästchen legen. (map)

  • Wolf Lotter: Verschwendung. Wirtschaft braucht Überfluss - die guten Seiten des Verschwendens, 254 S., Hanser, 20,50 Euro

    Wolf Lotter: Verschwendung. Wirtschaft braucht Überfluss - die guten Seiten des Verschwendens, 254 S., Hanser, 20,50 Euro

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