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Der Bahnhof von Vodjan
Die Bahnfahrt in den mediterranen Süden Istriens beginnt im slowenischen Karstplateau. Dies ist keine durchorganisierte Nostalgiefahrt, was wiederum ihren spröden Charme ausmacht. Am besten kombiniert man die Reise mit Aufenthalten in Ljubljana und Rijeka. Gleich die erste Station - Divaca - ist einen Aufenthalt wert. In den 1880er-Jahren wurde hier im Karstgebiet eine Attraktion öffentlich zugänglich gemacht: Die unterirdische Tropfsteinwelt mit riesigen Höhlensystemen, versinterten Paradiesen und wundersamen Grotten. Sehr zu empfehlen ist eine Führung durch die Unterwelt von Skocjanske Jame (St. Kanzian). Sie wird, mit gutem Grund, von der Unesco zum Weltkulturerbe gezählt. Fasziniert vom Besuch der Unterwelt - gemeinsam mit dem leidenschaftlichen Höhlenforscher Tentava zu Ostern 1898 - beschrieb Sigmund Freud seinem Berliner Freund Wilhelm Fließ: ". . . allerlei seltsame Tropfsteinbildungen, Baumkuchen, Stoßzähne von unten, Vorhänge, Schinken und Geflügel von oben herabhängend . . ."
Von Divaca müht sich der Zug eine knappe Stunde lang entlang der Felsmauern der westlichen Cicerija, passiert die Grenze zu Kroatien und erreicht Buzet. Fast. Vom Bahnhof - Pocekaj - führt eine steile Straße zur sehenswerten Altstadt. Umringt von einer Stadtmauer mit schönem Ausblick ins wasserreiche, hellgrüne Mirnatal - sitzt sie doch auf einem hübschen Hügel. Wiederum geht's bergab, in den neuen Stadtteil Fontana, und zum Gasthaus "Most" - weithin bekannt für seine traditionelle, inneristrische Hausmannskost.
Aromatische Region
In den Eichenwäldern des Mirnatals gedeihen die begehrten, intensiv duftenden Trüffeln. Die Gemeinde Buzet feiert jährlich im Herbst ein großes kulinarisches Fest zu Ehren der weißen Knolle. Nicht ganz so aromareich schmeckt die Sommertrüffel, auf die man sich aber auch schon ab Juni freuen kann.
Den besonderen Reiz der sanften, hügeligen Landschaft im nördlichen Istrien bildet die urbane Schönheit mittelalterlicher Städtchen wie Hum und Roc - verbunden durch die anschauliche, acht Kilometer lange Glagoliter-Allee. Oder Buje und Opartalj, Groznjan und Motovun, wo in den Sommermonaten ausgezeichnete Musik- und Filmfestivals internationale Besucher anziehen. Der Hauptgrund, warum die Bahnstationen noch heute außerhalb der Ortschaften liegen: Nicht touristische, sondern militärstrategische Überlegungen bestimmten den Ausbau der Bahnlinie quer durch Istrien. - Pula (damals Pola), Stützpunkt der k. u. k. Marine, sollte im Falle einer Seeblockade sicher und schnell auf dem Landwege versorgt werden können.
Von Buzet bis Pula dauert die Fahrt mit der Eisenbahn nur knappe zwei Stunden. Sie verkehrt mehrmals täglich in beide Richtungen, wodurch erlebnisreiche Tagesausflüge machbar sind. Schon der Anblick der historischen Bahnhöfe mit ihrer originalen technischen Ausstattung macht Freude. Mechanische Stellwerke, Fernmeldeleitung, alle Arten von Apparaten und Ritualen sind tadellos in Betrieb. Der Fahrdienstleiter gibt hier noch mit dem Befehlsstab das Signal zur Abfahrt.
Panoramastrecke
Langsam fährt der Zug von Buzet nach Lupoglav in einer großen Kurve über befestigte Steinmauern und Viadukte. Das geröllige Terrain war der wohl schwierigste Teil für den Bau der Istrianer Bahn. Mit spektakulären Ausblicken auf scharfe Felsen und tiefe Täler nähert man sich dem, von dichtem Wald bedeckten, massiven Ucka-Gebirge. Lupolav ist eine wichtige Station. Zum Aussteigen für Wanderungen auf die bis zu 1400 m hohen Gipfel, wegen der sagenhaften Rundumaussicht. Zum Einsteigen für alle, die mit der Südbahn nach Rijeka gekommen sind. Zubringer-Busse fahren durch den Ucka-Tunnel hierher.
Nach dem längsten Tunnel der Strecke wird der Blick auf Pazin frei, gelegen im Zentrum des herzförmigen Istrien. Die gemeinsame Geschichte Istriens mit Österreich begann hier im Jahre 1374, als die Grafschaft Mitterburg (Pazin) durch einen Erbvertrag zum Hause Habsburg kam. Nach dem Fall der Republik Venedig 1797 gelangte auch der venezianische Teil der Halbinsel in den Besitz der Monarchie. Unter deren Einfluss - mit einer kurzen Unterbrechung durch Napoléon - blieb die Region bis 1918. Besuchenswert ist das mittelalterliche Kastell mit zwei Museen, das in strahlendem Weiß am Abgrund der tiefen Fojba-Schlucht steht.
Die Eisenbahn gewinnt an Geschwindigkeit im sich öffnenden Tal. Sie kurvt vergnügt durch eine milde Landschaft mit Feldern und Weingärten. Im idyllischen Dorf Heki bieten schöne Privatquartiere Kost, Logis und Fahrräder an. Bei Vodnjan ist endlich rechts das Meer zu sehen. Bald ist Pula erreicht. (Brigitte Breth, Der Standard, Printausgabe 25./26.6.2006)
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