Alles ist erleuchtet

17. August 2006, 14:22
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Der 20-jährige US-Musiker Zach Condon vergießt als "Beirut" auf seinem Debüt "Gulag Orkestar" literweise Herzblut

Zwischen Melos und Raserei beschwört er "den Osten" als Ostalgie.


Nach dem großen Hype um die zuletzt Formen einer Ballermann-Kampftrinker-Sause für Leute mit Matura annehmenden Balkan-Disco gerade im mitteleuropäischen Raum ist dieses Debüt eines erst 20-jährigen Studienabbrechers aus Albuquerque, New Mexico, doch recht erstaunlich. Im Gegensatz zum Frankfurter DJ Stefan Hantel etwa, der in seinem Bucovina Club diverse Turbo-Blasmusikorchester vom Balkan mit Dancefloor-Beats auffrisiert oder Leuten wie dem aus der Ukraine stammenden New Yorker Eugen Hutz, der mit seinen Projekten Gogol Bordello und J.U.F. (Jüdisch-Ukrainische Freundschaft) slawische Folklore Richtung Punk und Dancefloor modernisiert, fehlt besagtem Zach Condon ein unmittelbarer Zugang zur Kultur des Ostens vollständig. Es waren vielmehr Filme des serbischen Regisseurs Emir Kusturica wie Underground oder Black Cat, White Cat und eine (Ost-)Europareise, die den jungen Mann erst auf den Geschmack brachten.

Die von diesem im Leben jedes US-Adoleszenten verpflichtenden Trip mitgebrachten CDs, allen voran Tonträger des Kocani Orkestar, des Boban Markovic Orkestar oder von Taraf de Haidouks, bildeten die Grundlage für Zach Condons nichts weniger als fantastisches Albumdebüt auf einem kleinen unscheinbaren New Yorker Label namens Ba Da Bing Records. Unter dem zurzeit möglicherweise etwas unglücklich gewählten Signet Beirut liegt nun mit Gulag Orkestar eine vor Herzblut übergehende Songsammlung vor, die in der Geschichte des Bastard-Pop oder jener der popkulturellen Missverständnisse ihresgleichen sucht.

Mittlerweile in den New Yorker Stadtteil Brooklyn umgezogen, entwickelte Condon mit befreundeten Musikern wie Jeremy Barnes vom uneingeschränkt empfehlenswerten Neutral Milk Hotel und live im Gegensatz zum stillen Heimwerkertum mit bis zu zwei Handvoll Begleitern eine Vision hybrider östlicher Musik, die dem Hörer gerade auch wegen einem so sehr nahe geht. Mit zitternder und wackelig bespielter, aber bestimmender Trompete, greinenden Geigen, vom Feuer der Jugend vorangetriebener Ukulele als hauptsächlichem Rhythmusinstrument und einem Schlagzeug, das die ungeraden Takte der slawischen Vorlagen oft mit geraden, aber faulen Reggae-Takten unterlegt, entsteht eine völlig neue Form von imaginärer, die Welt eben auch als solche durchglobalisierender Weltmusik. In der sind Begriffe wie Authentizität oder geografische Bindungen an etwaige Mutterschollen längst überflüssig geworden.

In einem Interview mit der New Yorker Zeitschrift Village Voice räumt Zach Condon freilich ein, dass alles auch ganz anders hätte kommen können. Nur wenige Monate vor seiner Entdeckung der Sounds des europäischen Ostens war der junge Mann rettungslos brasilianischer Tropicalia-Musik verfallen. Das jetzt vorliegende Debüt mit elf Liedern zwischen Schwermut und unbändiger Lebensfreude freilich klingt auch wegen Condons inbrünstiger, an seinen großen jungen Kollegen Rufus Wainwright erinnernder, von Melos getränkter Stimme so organisch, dass man ihm selbst etwas verquere und in die Irre weisende Songtitel wie Prenzlauerberg, Brandenburg, Rhineland (Heartland) oder Postcards From Italy verzeiht. Für Amerikaner liegt das aufgrund der läppischen Entfernungen alles unmittelbar neben dem ebenfalls besungenen Bratislava oder dem polnischen Mount Wroclai.

Im solo auf einer billigen Orgel, mit Trompete und Akkordeon vorgetragenen After The Curtain heißt es programmatisch: "I try to imagine a careless life, a scenic world where the sunsets are all breathtaking ..." Diese haltlose Romantik, die Vorstellung von einer anderen Welt, die nicht die seine ist und sein kann, durchzieht das ganze Album. Kaum eine CD liegt zurzeit zu Hause so oft im Abspielgerät wie diese. Ein Künstler träumt sich laut Vorlage aus dem Bilderbuch der Ostalgie ein Wunderland jenseits der immer noch in unseren Köpfen existierenden Mauer. Das vor Klischees triefende Ergebnis übertrifft jedwede etwaige Wahrhaftigkeiten und schafft selbst eine neue Wirklichkeit. Der Prozess der Transformation, Aneignung, Verinnerlichung und Neu- wie Weiterdeutung! Kann Kunst etwas anderes, Besseres leisten? (Christian Schachinger / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.8.2006)

  • Beirut: "Gulag Orkestar" (Ba Da Bing Records)
    foto: ba da bing records

    Beirut: "Gulag Orkestar" (Ba Da Bing Records)

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