Henning Mankell: "Der Hund, der unterwegs zu einem Stern war"

10. August 2006, 20:35
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Glück in Grautönen und schöne Erwachsene in einem Jugendbuch vom für Krimis bekannten schwedischen Autor

Schwieriges Alter. Man ist nicht mehr Kind, aber doch sehr jung; man macht Dinge,die man selbst nicht versteht; und man hat Fragen, groß wie die Welt, kommt aber noch nicht raus aus dem Kaff, das sich unter den Polarkreis duckt. Im Sommer sitzt Joel Gustafson gern auf einem Felsblock, unten am Fluss, und träumt sich auf einen Ozean voller Gefahren, wie sie sein Vater durchlebte, damals, als er noch zur See fuhr.

Aber jetzt ist Winter. Der Felsblock ist vereist, der Vater arbeitet als Holzfäller und ist in einem Schweigen gefangen, das noch dunkler zu sein scheint als die endlosen nordschwedischen Wälder. Joel ist nicht verwahrlost. Aber er muss eben immer seine eigene Mama sein, wie er selbst sagt. Abends, in seinem Bett, fragt er sich oft, warum er keine Mutter hat, warum sein Vater, der doch die See so liebt, hier oben Bäume fällt. Und was will der überhaupt von dieser Frau, die im Restaurant des Dorfs bedient? Was soll das ganze Leben überhaupt noch?

Joel weiß nur, es muss sich was ändern. Und es ändert sich auch viel. Erst wird ein Kollege des Vaters von einem Baum erschlagen. Und der Vater, der sich oft so tief in seinem Schweigen verkantet, dass Joel wütend auf ihn wird, der große Vater wird plötzlich so klein, dass Joel Mitleid mit ihm hat. Dann sitzt da ein fremder Junge auf seinem Felsblock. Ture fasziniert den phantasievollen Einzelgänger Joel, der sich heimlich nach einem Freund sehnt, bringt ihn dazu, fiese Dinge zu tun, die er eigentlich gar nicht tun will.

Der schwedische Autor Henning Mankell, hierzulande vor allem bekannt wegen seiner Krimis um den schweigsam-hartnäckigen Kommissar Wallander, hat einmal gesagt, das Schreiben für Kinder sei ungeheuer schwer, weil sie kritischer sind als Erwachsene. In "Der Hund, der unterwegs zu einem Stern war" stimmt jeder Satz, gerade weil soviel ungesagt bleibt. In knapper, klarer Sprache erzählt Mankell, der selbst alleine mit seinem Vater in Nordschweden aufgewachsen ist, von einer komplizierten Vater-Sohn-Beziehung und davon, wie schwierig es ist, man selbst zu sein, wenn man noch gar nicht weiß, was man mal werden will. Andererseits: Die, die irgendwas geworden sind, hocken jetzt in ihrem Leben fest und wissen erst recht nicht Bescheid. Nur die Erwachsenen, die noch genauso klug wie Kinder sind und besondere Sachen machen, die kann man verstehen. Kaum je gab es schönere Erwachsenenfiguren in einem Jugendbuch als die nasenlose Gertrud und Simon Urväder, den alten Maurer, der mal in der Psychiatrie saß und jetzt alleine im Wald lebt mit Hühnern im Wohnzimmer.

Wer hat eigentlich gesagt, das ein Happy End immer pastellfarben sein muss? Vielleicht hat Henning Mankell für diesen ersten von vier Bänden um Joel und seinen Vater auch deshalb den Deutschen Jugendliteraturpreis und den Nils Holgersson-Preis bekommen, weil er zeigt, wie still das Glück in Grautönen schimmern kann. (Alex Röhle / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.8.2006)

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