Lesezeichen

10. August 2006, 17:13
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Eselsohren sind böse! - Oder: Die Verweigerung des Lesezeichens trainiert Gedächtnis und haptische Fähigkeiten

+++Pro
Von Doris Priesching

Haben Sie schon Anthony Bourdains "Ein Küchenchef reist um die Welt" gelesen? Ein köstliches Buch über die wundersame Welt des Essens. Bourdain sucht das perfekte Mahl, kulinarische Höhe- und Tiefpunkte erlebt er überall, also nicht nur in Ländern, in denen man das erwarten würde.

Nie, niemals würde ich Anthony etwas anderes zumuten als das Lesezeichen, das ihm momentan beilegt. Damit das klar ist: Eselsohren sind böse! Das taktile Erleben sollte sich beim Lesen auf Halten und Umblättern beschränken. Das schließt auch ein, dass man Buchseiten bitte nicht zum Reinigen von Fingernägel verwendet. Warum nicht? Wenn man davon ausgeht, dass jedes Ding belebt ist, kann einem die geknickte, verdreckte Seite Leid tun. Lesezeichen sind hingegen angenehm unkompliziert. Zur Not erfüllt die Hülle vom Tschickpackerln oder das abgelöste Preispickerl vom Umschlag des Buches den nämlichen Zweck.

Anthony Bourdain darf sich übrigens über ein besonders schönes Exemplar aus rotem Leder freuen. Ich bestaune es täglich, und manchmal streichle ich es heimlich. Das hat sich der fahrende Koch redlich verdient.

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Contra---
Von Samo Kobenter

Lesezeichen stellen peinliche Erinnerungen an blümerante Pubertäter beiderlei Geschlechts her: Da wurde aufseufzend unter dem Gewicht der Welt, das auf den heranwachsenden Schultern lag, die eigene Wichtigkeit mit dem Seitenteiler in die auch wichtige Lektüre eingelegt. Sofort aufrufbar, sofort ablesbar. Von da zum keusch eingeknickten Eselsohr - wie passend - und zu handschriftlichen Kommentaren an den Seitenrändern ("genau!" "sehr richtig!" "meine Rede") waren es nur noch zwei kleine, aber unbarmherzig gesetzte Schritte. Das alles verwies darauf, dass hier nicht gelesen, sondern Lektüre abgearbeitet wurde und wie immer, wenn das Vergnügen durch Arbeit ersetzt wird, verschwindet auch die duftige Sinnlichkeit des Erlebens und es erscheint die schweißelnde Pflichterfüllung.

Abgesehen vom Spaß, den das kreisende Wiederlesen von ungefähr der Stelle aus macht, an der man die Lektüre unterbrochen hat, trainiert die Verweigerung des Lesezeichens sowohl das Gedächtnis als auch die haptischen Fähigkeiten: Ein Buch ungeschaut auf der richtigen Seite aufzuschlagen, ist ein kleiner, wahrhaft erlesener Triumph.
(Der Standard/rondo/11/08/2006)

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