Altstadt-Disneyland

17. August 2006, 14:39
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Charakterverlust der Stadt Salzburg: Kunsthändler Thomas Salis übte Kritik

Im Rahmen seiner Festspielpräsentation meldet sich der Kunsthändler Thomas Salis erstmals mit Kritik zu Wort: Im Editorial seines Katalogs kritisiert er den enormen Charakterverlust der Salzburger Altstadt.


Salzburg - Maîtres Modernes, nennt Thomas Salis seine aktuell analog zu den Salzburger Festspielen präsentierte Zusammenstellung. Beim Blättern im begleitenden Katalog fällt zweierlei auf: Ein letztes Mal blickt man über das Vorsatzblatt aus dem Tomaselli-Schanigarten in Richtung der Salis-Auslage, denn schon nächstes Jahr wird die Ansicht nämlich übersiedlungsbedingt eine andere sein.

Ein erstes Mal meldet sich der Kunsthändler hier über ein Editorial zu Wort, und das ist mit deutlicher Kritik gespickt. Die Salzburger Altstadt hätte in den letzten Jahren rapide ihren ursprünglichen Charakter verloren. Das exponentielle Wachstum des Massentourismus hätte die Stadt buchstäblich in ein "Altstadt-Disneyland" verwandelt.

Und von dem früheren Flair und der ehemals so viel gepriesenen Lebensqualität sei heute kaum mehr etwas zu spüren. Das habe auch den Standort am Alten Markt infrage gestellt und den Wunsch nach veränderten Rahmenbedingungen geschürt. Im Frühjahr 2007 bezieht man neue Büro- und Ausstellungsräumlichkeiten im ersten Stock des Antretter-Hauses am Mozartplatz 4. Selbst der Kaffeehaus-Kontext bleibt erhalten, schräg gegenüber dem ehemaligen Café Glockenspiel, in dem die Wiener Hofzuckerbäckerei Demel jüngst Quartier bezog, wird Salis zu finden sein.

Die sorgfältige Auswahl von Thomas Salis verspricht derzeit jedenfalls Hochgenüsse in Sachen Klassischer Moderne, selbstredend mit internationalem Schwerpunkt. Die einzigen beiden Österreicher unter den 42 angebotenen Kunstwerken: Eine in New York akquirierte Mischtechnik von Friedensreich Hundertwasser (Les 5 bras del'or sur les 4 mers, 1957) sowie Alfons Waldes Badende von 1925. Das aus dem Nachlass des Künstlers stammende Ölbild kostet 55.000 Euro und ist das mit Abstand günstigste Werk im aktuellen Katalog. Dennoch, das Publikum zeigt sich kauffreudig, bereits ein Viertel des Angebotes wechselte. Noch zu haben ist Max Ernsts aus einer amerikanischen Privatsammlung stammendes Trio von 1957, oder auch der Katalog-Titel, eine in verführerischem Blau gehaltene Ansicht von Dalmatien von Lyonel Feininger. Letztere Arbeit stammt aus dem Jahr 1934, bezüglich des Preises hält sich Thomas Salis bedeckt, nur so viel: "mehr als 500.000 Euro". Etwas günstiger gibt es Picasso, etwa die wunderbar auf die wesentlichen Charakteristika reduzierte Tuschzeichnung Faunes et femme II von 1946 für 320.000 Euro. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.8.2006)

  • Lyonel Feininger zu Gast bei Thomas Salis: verführerisches Blau aus Dalmatien, festgehalten 1934.
    foto: salis

    Lyonel Feininger zu Gast bei Thomas Salis: verführerisches Blau aus Dalmatien, festgehalten 1934.

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