Pillen bald teurer als Ärzte

21. August 2006, 12:55
49 Postings

Franz Bittner, Obmann der Wiener Gebietskrankenkasse, ist beunruhigt: Im ersten Halbjahr sind die Kosten für Medikamente enorm gestiegen

Bald werden die Arzneien die Kassen teurer kommen als Ärztehonorare. In Niederösterreich ist es schon so weit.


Wien – Am wenigsten erklärbar sind die monatlichen Sprünge, meint Franz Bittner. Gleich im Jänner 2006 schnellten die Medikamentenkosten um 14 Prozent hinauf. Im April durften sich die Kassen freuen, um 0,25 Prozent weniger für Medikamente ausgegeben zu haben als im April des Vorjahres. Im Mai war dann wieder alles anders, man gab plötzlich sogar um 15,24 Prozent mehr für Pillen, Pulver und sonstige Heilmittel aus als im Wonnemonat 2005 – und das ohne Grippewelle.

Während man im Hauptverband noch Erklärungen suchte, kam Ende Juni dann der Schock: Bundesweit sind die Medikamentenkosten um 8,5 Prozent oder 70 Millionen Euro gestiegen, allein in Wien ergibt das ein Plus von mehr als 15 Millionen Euro.

"Wenn das so weitergeht, werden noch heuer die Kosten für die Medikamente höher sein als die Ärztehonorare", sagte der Wiener Kassen-Chef Bittner zum Standard, "das ist schon ein alarmierender Zustand." In Niederösterreich war dieser Zustand bereits im Vorjahr erreicht worden.

Bittner macht für die Kostenexplosion vor allem die Umstellung des Erstattungssystems ("Boxensystem"), die Einführung der E-Card und die Umstellungen bei der Chefarztbewilligung verantwortlich. Bittner: "Es werden mehr Medikamente verschrieben, die Kontrollmöglichkeiten sind geringer geworden." Was für den Patienten gut und bequem ist – Chefarztbewilligungen für Medikamente holen die Kassen-Vertragsärzte binnen zwölf Minuten elektronisch ein –, ist für die Kassen offensichtlich ein Nachteil.

"Wir müssen das zweite Halbjahr abwarten, erst dann werden wir wissen, ob wir es tatsächlich mit einer Kostenexplosion zu tun haben", sagt Hauptverbandssprecher Dieter Holzweber. "Etwas verwunderlich" sei, dass Österreichs Ärzte mehr Rezepte ausgestellt und mehr Arzneien verschrieben hätten, vor allem Blutdruck- und Cholesterinsenker.

Faktum ist jedenfalls, dass alle Krankenversicherungsträger für 2006 ein Plus von 6,5 Prozent bei Medikamentenkosten budgetiert haben. Dies steht in Widerspruch zu den Vorgaben der Gesundheitsministerin: Maria Rauch-Kallat hatte verlangt, dass die Kassen jährlich nicht mehr als plus vier Prozent für Medikamente ausgeben dürften.

Bittner macht auch die "intensivierten Werbe- und Marketingmaßnahmen der Pharmafirmen" für die Kostensteigerung verantwortlich: "Die investieren oft mehr Geld in Marketing als in sinnvolle Forschung." Bittner spricht von "Pseudo-Innovationen" bei bestimmten Arzneien, die de facto keine Verbesserung für Patienten bringen – aber das Medikament verteuern.

Die Ausnahme bilden übrigens Krebs-Medikamente. Hier bewegt sich Österreich im europäischen Spitzenfeld. Eine vor Kurzem publizierte Studie des renommierten schwedischen "Karolinska Institutet" reiht Österreich beim direkten Zugang zu innovativen Krebs-Medikamenten an die dritte Stelle. Auch der Wiener Krebsspezialist Christoph Zielinski, der im Vorjahr im Standard vor allzu großer Sparsamkeit bei Krebsmedikamenten gewarnt hatte, ist heuer zufrieden. In Wien sei die Situation "im Moment zufrieden stellend". Die Finanzierung des Brustkrebsmedikaments Herceptin, das pro Jahr und Frau rund 36.000 Euro kostet, sei gesichert. (Petra Stuiber/DER STANDARD, Printausgabe, 10.8.2006)

  • Kassen-Chef Bittner: Die Medikamentenkosten steigen, das Defizit auch.
    foto: standard/fischer

    Kassen-Chef Bittner: Die Medikamentenkosten steigen, das Defizit auch.

Share if you care.