"Viva Zapatero!": Sabina Guzzanti: "Jeder will nur sein Scheibchen Macht"

9. August 2006, 12:03
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Berlusconi drängte ihre Satiresendung "Raiot" aus dem Programm – "Viva Zapatero!" dokumentiert die Absetzung – Guzzanti im STANDARD-Interview

Silvio Berlusconi drängte Sabina Guzzantis Satiresendung "Raiot" nach der ersten Folge mit Klagen über Abermillionen und Politdruck aus dem öffentlich-rechtlichen Programm. Guzzanti drehte darüber einen Film und sprach mit Harald Fidler über Fernsehen und Macht.

STANDARD: Silvio Berlusconi ist nicht mehr Italiens Ministerpräsident. Vielleicht ist das eine naive Frage, aber: Dann dürfte es doch kein Problem mehr sein, dass Sie ihre Satiresendung "Raiot" in der öffentlich-rechtlichen Rai fortsetzen?

Guzzanti: Es dürfte kein Problem sein, aber es wird nicht passieren. Die Direktoren der Rai sind dieselben. Die neue Regierung hat keine wirklichen Ambitionen, am System etwas zu ändern.

STANDARD: In Österreich debattieren wir auch gerade wieder heftig über politischen Einfluss der Regierung auf den ORF. Die regierenden Konservativen haben den ORF 2001 mit einem neuen Gesetz unter ihre Kontrolle gebracht, die Sozialdemokraten drohen mit einer Gegenreform, sollten sie wieder an die Macht kommen. Was erwarten Sie von der Regierung unter Romano Prodi?

Guzzanti: Linksparteien haben niemanden aus dem Fernsehen verjagt. Im Gegenteil: Bruno Vespa (ein Berlusconi-freundlicher Moderator, Anm.) bekam schon früher viel Sendezeit. Die Einschätzung der bisherigen Opposition von Medien, insbesondere öffentlich-rechtlichen, unterscheidet sich aber nicht grundlegend von jenen unter Berlusconi. Die Koalition ist schwach, zersplittert und selbst korrumpiert. Ihr erstes Gesetz nach dem Regierungswechsel bewahrt der Korruption Verdächtige vor Strafverfolgung, etwa einen der wichtigsten Geschäftspartner Berlusconis. Man arrangiert sich mit der Rechten. Dabei müsste zuallererst per Gesetz die Zusammenballung von Medien- und politischer Macht wie bei Berlusconi per Gesetz verboten werden. Typisch italienisch: Jeder will nur sein Scheibchen Macht.

STANDARD: Medienpolitik als unselige Kombination aus ängstlichen TV-Managern und machtbewussten, machiavellistischen Politikern mit wenig Rücksicht auf das Medium?

Guzzanti: Machiavelli in einem Atemzug mit Berlusconi zu nennen, beleidigt Machiavelli. Der war höchst clever, der Barbar Berlusconi ist nur kurzsichtig auf seinen eigenen Vorteil bedacht.

STANDARD: In Österreich sammelt eine private Initiative von Journalisten und Intellektuellen - SOS ORF - Unterschriften für einen unabhängigeren, qualitätvolleren ORF.

Guzzanti: Auch wir haben begonnen, Unterschriften zu sammeln und den zuständigen Minister zu treffen. Wir erarbeiten einen Gesetzesvorschlag, um die Rai aus der politischen Kontrolle zu befreien. Nach meinem Eindruck will Prodi ein neues Mediengesetz. Fragt sich nur, ob er sich damit durchsetzen kann.

STANDARD: Wie wollen Sie die Politik von der Rai fernhalten? Wie soll das funktionieren?

Guzzanti: Anders als heute: Alle Führungskräfte der Rai werden direkt von Politikern ausgesucht. Wir brauchen andere Kriterien. Haben Sie in Österreich eigentlich eine Satiresendung wie in Frankreich oder Großbritannien?

STANDARD: Darüber traut man sich im österreichischen Fernsehen offenbar nicht einmal nachzudenken. Ansätze politischer Kritik im Programm finden sich noch am ehesten in der "Sendung ohne Namen".

Guzzanti: Im Fernsehen sollte man frei seine Meinung sagen können. Das Publikum kann selbst wählen, was es sieht. Aber wenn dem Publikum Informationen und Meinungen vorenthalten werden, muss man es darauf aufmerksam machen. Das Schlimmste ist, wenn dem Zuschauer gar nicht bewusst ist, dass er nicht voll informiert wird. (Harald Fidler, DER STANDARD, Printausgabe, 5./6.8.2006)

Zur Person
Sabina Guzzanti (43), Komikerin und Schauspielerin, verulkte schon im Frühjahr 2001 in der Rai Berlucsoni: Als Silvio verkleidet beschimpfte sie in einer Parodie vom Wahlplakat herunter Passanten.
  • "Machiavelli in einem Atemzug mit Silvio Berlusconi zu nennen, beleidigt Machiavelli." Sabina Guzzanti verlor ihre Satiresendung in der Rai ...
    foto: polyfilm

    "Machiavelli in einem Atemzug mit Silvio Berlusconi zu nennen, beleidigt Machiavelli." Sabina Guzzanti verlor ihre Satiresendung in der Rai ...

  • ... schon nach der ersten Folge, weil Silvio Berlusconi - hier dargestellt von Guzzanti - dem Sender mit vielfachen Millionenklagen drohte. Darüber drehte sie "Viva Zapatero!"
    foto: polyfilm

    ... schon nach der ersten Folge, weil Silvio Berlusconi - hier dargestellt von Guzzanti - dem Sender mit vielfachen Millionenklagen drohte. Darüber drehte sie "Viva Zapatero!"

  • "Viva Zapatero!" dokumentiert die Absetzung von Guzzantis Satiresendung "Raiot". Ähnlich Michael Moore stellt sie Politiker, Mitglieder der Medienbehörde, die ehemalige Rai-Chefin, befragt den regimekritischen Dramatiker Dario Fo, ebenfalls Opfer einer Klage von Berlusconis Getreuen, und unter Druck Berlusconis abservierte Journalisten.Nach der Österreich-Premiere am Mittwoch um 20.15 Uhr im Wiener Filmcasino laden SOS ORF, der Freiraum und polyfilm zur Diskussion über "Satire - Medienmacht - Demokratie".
    foto: polyfilm

    "Viva Zapatero!" dokumentiert die Absetzung von Guzzantis Satiresendung "Raiot". Ähnlich Michael Moore stellt sie Politiker, Mitglieder der Medienbehörde, die ehemalige Rai-Chefin, befragt den regimekritischen Dramatiker Dario Fo, ebenfalls Opfer einer Klage von Berlusconis Getreuen, und unter Druck Berlusconis abservierte Journalisten.

    Nach der Österreich-Premiere am Mittwoch um 20.15 Uhr im Wiener Filmcasino laden SOS ORF, der Freiraum und polyfilm zur Diskussion über "Satire - Medienmacht - Demokratie".

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