"Zwang, jeden Kostenvorteil zu nutzen"

8. August 2006, 19:31
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In der Chip- und Leiterplattenindustrie, einem Zuliefergeschäft für die Telekombranche, bedeutet Globalisierung eine Art Wandern

Auf die ersten Schritte, gesetzt aus Kostengründen, folgen weitere, die mit Know-how und zunehmend mit der Marktnähe zu tun haben.

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Wien - Ende der 90er-Jahre entstand in Asien eine hoch spezialisierte Zulieferindustrie, die sich rund um die asiatischen Werke der Technologiekonzerne wie Nokia oder Siemens entwickelte. Diese Zulieferfirmen waren einerseits Ableger europäischer oder US-Firmen wie Flextronics. Andererseits entstanden auch lokale Zulieferunternehmen. Diese Betriebe "clusterten" um Nokia in Peking und Siemens Mobile in Schanghai, zwei große und wichtige Kunden des österreichischen Leiterplattenherstellers AT&S.

Zwar hatten sowohl Nokia als auch Siemens Mobile weiter ihre europäischen Werke, aber die österreichische AT&S, die sich unter anderem auf das Segment von Leiterplatten für Mobiltelefone spezialisiert hat, kam unter Zugzwang. "Wir hatten die Situation von vergleichsweise hohem Personalkostenanteil", sagt AT&S-Kommunikationschef, René Berger. Zu hoch für ein Massengeschäft in Europa und zu hoch im Vergleich zu den stärker werdenden asiatischen Mitbewerbern.

Nische

Die europäischen Möglichkeiten für AT&S damals waren, eine Nische zu suchen, in der es (noch) keinen Wettbewerb gab. Oder zu versuchen, den Kostennachteil durch alle nur möglichen Maßnahmen wettzumachen. Beides war für AT&S keine wirkliche Option, erinnert sich Berger: "Unser Ziel war, bei den Hauptkunden als Lieferant an erster oder zweiter Stelle zu stehen und die waren bereits in Asien."

Weitere Gründe kamen hinzu: Die Dollarschwäche ab 2001, im Zuge derer der Dollar in den folgenden drei Jahren fast 50 Prozent seines Wertes verlieren sollte. Die asiatischen Zulieferer fakturieren in Dollar, wurden dadurch konkurrenzlos günstig, und machten der AT&S mit ihren drei österreichischen Werken (in Leoben, Fehring, Klagenfurt) das Leben schwer.

In diesem Umfeld wurde die Entscheidung zur Internationalisierung von AT&S getroffen - den Kunden zu folgen. Es entstanden Werke in Indien (Nanjangud, 1999) und China (Schanghai, 2002). Ein zweites Werk in Schanghai wird demnächst eröffnet. Weitere Akquisitionen, die teils auch lokale Märkte bedienen, wie zuletzt der Kauf von Tofic, einem koreanischen Leiterplattenhersteller, runden das Bild ab.

"Heute entsteht Globalisierung in unserer Branche aus dem permanenten Zwang, jeden nur möglichen Kostenvorteil zu nutzen", erklärt Berger, der den Produktkostenvorteil aus den niedrigeren Lohnkosten in Schanghai derzeit mit 15 Prozent beziffert.

Netzwerk

In der Gruppe, die je 5100 Mitarbeiter in Österreich und im Ausland beschäftigt, wird Internationalisierung als "Risikostreuung" begriffen, sagt Berger: Vor Währungsproblemen, politischen Umbrüchen - sogar Überlegungen rund um die Vogelgrippe fließen in die Überlegungen international agierender Konzerne ein. Deshalb wird in der Fertigung und im F&E-Bereich eine Art Netzwerk über alle Standorte gelegt, mit thematischen Schwerpunkten und mit permanentem Know-how-Transfer innerhalb der Gruppe. In der schnelllebigen Mobiltelefonie-Branche ist der Faktor "Time to Market" ein ausgesprochen wichtiger, der nur zu optimieren ist, wenn alle Standorte ein halbwegs ausgewogenes Niveau in Bezug auf das Know-how haben.

So eine Strategie trägt Früchte. Japanische Firmenkunden etwa, die in ihrem Land ebenfalls über keinen Lohnkostenvorteil verfügen, greifen bei ihrem Einkauf vermehrt auch auf das AT&S-Werk in China zurück. (Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.8.2006)

  • Die Leiterplattenherstellung bei AT&S in Schanghai sieht nicht anders aus als in Europa, bringt aber einen Kostenvorteil im Produkt von 15 Prozent.
    foto: at&s

    Die Leiterplattenherstellung bei AT&S in Schanghai sieht nicht anders aus als in Europa, bringt aber einen Kostenvorteil im Produkt von 15 Prozent.

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