Essen zwischen Ethik und Geschlecht

15. August 2006, 18:33
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Am Willen zu einer gesunden, sozial und ökologisch verträglichen Ernährung mangelt es nicht - Doch das Fleisch ist schwach

Am Willen zu einer gesunden, sozial und ökologisch verträglichen Ernährung mangelt es nicht. Doch das Fleisch ist schwach. Eine Studie von Sozialwissenschaftern zeigt, wo man ansetzen müsste.

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Mit den heute weltweit produzierten Lebensmitteln könnten problemlos zwölf Milliarden Menschen ernährt werden - wäre da nicht dieses leidige Problem mit der Verteilung. In vielen Regionen der Welt, etwa in Südspanien, werden die ohnehin knappen Wasserreserven aufgebraucht und riesige Landstriche praktisch verwüstet, um das dort industriell hergestellte Glashausgemüse dann tausende Kilometer weit zu preisbewussten Kunden zu befördern. Altbekannte Tatsachen, die im Zuge der Globalisierungsdebatte einen neuen Aktualitätsschub bekommen haben.

Auf der Suche nach praxistauglichen Anknüpfungspunkten sowie den Barrieren für eine nachhaltige, also ökologisch, sozial und gesundheitlich verträgliche Ernährung haben Forscher der Wiener Wirtschaftsuniversität in einer vom Wissenschaftsfonds geförderten sozialwissenschaftlichen Studie die verschiedenen Ernährungspraktiken der Österreicher untersucht. Dabei hat sich wenig überraschend gezeigt, dass der Mensch auch als Konsument ein schwaches Wesen ist.

Stressfreie Zeitnischen

"Neben all den Anforderungen des Alltags auch noch auf eine nachhaltige Ernährung zu achten, ist für die meisten Leute ein Problem", weiß Projektleiter Karl-Michael Brunner (siehe Geistesblitz) über seine Arbeit zu berichten. "Der Wille dazu ist aber häufig vorhanden, und in stressfreien Zeitnischen versucht man dann auch, entsprechend zu kochen und einzukaufen."

Der entscheidende Faktor in Fragen ernährungsbezogener Nachhaltigkeit sei vor allem das Geschlecht, wie Brunner durch die Analyse der Essgewohnheiten in 70 sozial sehr heterogenen Haushalten herausgefunden hat - und zwar unabhängig von den verschiedenen Ernährungstypen: "Frauen ernähren sich generell bewusster und nachhaltiger. Zudem sind sie in unserer Gesellschaft nach wie vor zu 90 Prozent für Ernährungsfragen verantwortlich. Frauen kaufen ein und kochen, aber die Männer bestimmen, was gegessen wird."

Obwohl Männer tendenziell die größeren "Ernährungssünder" sind und überdies den Speisezettel maßgeblich gestalten, sind im Diskurs um nachhaltige Ernährung und Gesundheit bislang Frauen die bevorzugte Zielgruppe. "Um die Ernährungsgewohnheiten positiv zu verändern, müssten aber", ist sich Brunner sicher, "verstärkt die Männer ins Visier genommen werden, zumal gerade sie mit ihrem Körper eher sorglos umgehen und dadurch im Alter auch höhere Gesundheitskosten verursachen."

Generell werde man in Zukunft Ernährung noch viel stärker unter Gesundheits- und Kostenaspekten betrachten müssen - auch angesichts der zunehmenden Übergewichtsproblematik: Der Anteil übergewichtiger Kinder in der Welt wird nach Einschätzung von Experten in den kommenden Jahren drastisch ansteigen. In Nord- und Südamerika werden im Jahr 2010 fast die Hälfte der Kinder zu dick sein, wie aus einer kürzlich im Fachmagazin International Journal of Pediatric Obesity veröffentlichten Studie hervorgeht.

Sollten sich die Trends fortsetzen, könnte der Anteil in der EU demnach bei 38 Prozent liegen. In beiden Regionen gilt bisher nur jedes viertes Kind als zu dick. In Österreich ist schätzungsweise jedes fünfte Kind zwischen elf und 13 Jahren übergewichtig, Tendenz steigend.

Natürlich wird die Art der Ernährung auch durch das Bildungs- und Einkommensniveau beeinflusst: "Familien aus schlechter gestellten sozialen Milieus essen generell ungesünder, wobei sich diese Tendenz über die Kinder fortsetzt, wenn es keine Korrekturinstanzen gibt", bestätigt der Wiener Soziologe Karl-Michael Brunner.

Etliche Negativfaktoren

Verantwortlich dafür seien neben den beschränkten finanziellen Mitteln und Informationsdefiziten auch die knappen Zeitressourcen - die übrigens bei allen sozialen Gruppen einen zentralen Negativfaktor darstellen: "Nachhaltige Lebensmittel bekommt man selten um die Ecke, und für eine gesunde Zubereitung braucht man mehr Zeit."

Um nachhaltige Ernährung alltagstauglich zu machen, seien also Politik und Unternehmen gefordert: mehr Angebote an leicht zugänglichen Orten wie etwa U-Bahn-Stationen und entsprechende Betriebs- und Schulküchen, um sich auch außer Haus gesund ernähren zu können.

"Zwar gibt es eine Nachhaltigkeitsstrategie der österreichischen Regierung, gesellschaftliche Ernährungsziele wurden bislang aber noch immer nicht definiert", wundert sich Brunner. "Die Bevölkerung immerhin steht einer nachhaltigen Ernährung teilweise durchaus positiv gegenüber. Verglichen mit anderen EU-Ländern wie etwa Großbritannien ist auch der Fast- Food-Trend hier zu Lande nicht so stark ausgeprägt."

Wo also sollte man ansetzen, um die vorhandene Bereitschaft in praktisches Alltagshandeln überzuleiten? "Hier sind je nach Ernährungstyp unterschiedliche Zugänge sinnvoll: An erster Stelle steht das Gesundheitsargument, gefolgt von der Qualitätsschiene, über die sich vor allem die einkommensstärkeren Schichten unter dem Titel 'Lifestyle' gut ansprechen lassen."

Region spielt ein Rolle

Bei vielen, auch eher konservativen Gruppen spiele zudem die Regionalität von Lebensmitteln eine große Rolle - "dieses Argument liefert zahlreiche Anknüpfungspunkte von der Direktvermarktung bis zu einer verstärkten Integration regionaler Erzeugnisse in die Produktpalette von Supermärkten".

Auf das klassische Öko-Argument spreche zwar nur ein relativ kleines Konsumentensegment an, doch auch hier sei mit Zuwächsen zu rechnen: "In Zusammenhang mit Klimawandel und Globalisierung wird auch der Themenkomplex Umwelt und Ernährung an Bedeutung gewinnen", ist Karl-Michael Brunner überzeugt.

Eine zentrale Erkenntnis der Untersuchung: Für eine nachhaltige Ernährung können vor allem jene Menschen gewonnen werden, die schon früh Ernährungskompetenz erworben haben. "Weil diese in der Familie immer seltener weitergegeben wird, sollte die Schule das nötige Wissen und Können vermitteln", fordert der Soziologe.

Außerdem müsse man den Konsumenten weiter entgegenkommen - denn wenn nachhaltige Ernährung ein Luxus für wenige bleibt, wird sich gesamtgesellschaftlich nichts ändern. "Hier ist die Politik gefordert, gemeinsam mit einschlägigen Wirtschaftszweigen Ziele, Strategien und neue Angebote zu entwickeln und diese dann auch entsprechend zu kommunizieren." (Doris Griesser/DER STANDARD, Printausgabe, 9. August 2006)

  • Für nachhaltige Ernährung können Menschen gewonnen werden, die schon als Kind Ernährungskompetenz erworben haben.
    foto: der standard/cuhaj

    Für nachhaltige Ernährung können Menschen gewonnen werden, die schon als Kind Ernährungskompetenz erworben haben.

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