Zeit für den Blick nach vorn

15. August 2006, 18:33
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Bei Österreichs IT-Forschung fehlt eine Strategie, die über einzelne Förder- Programme hinausgeht, sagt Technologie- Manager Erich Prem im STANDARD-Interview

Österreichs IT-Forschung hat ein Problem: Es fehlt eine Strategie, die über einzelne Förderprogramme hinausgeht. Ein Konzept, das vor allem die brachliegende Uniforschung einschließt, sagt Erich Prem von Eutema Technologiemanagement zu Peter Illetschko.

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STANDARD: Herr Prem, die Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) übernimmt nach und nach das Management vieler Förderprogramme, die quer im Forschungsland Österreich verstreut sind und da und dort verwaltet werden - unter anderem auch bei Ihrer Technologiemanagementagentur Eutema. Sie werden aber nicht arbeitslos, oder?

Prem: Nein, auf gar keinen Fall. Es gibt um einiges mehr Arbeit für uns als das reine Programmmanagement, obwohl das von Ihnen angesprochene FIT-IT-Programm des Infrastrukturministeriums zuletzt sicher eine zentrale Aufgabe hier bei Eutema war. Wir sind auch Strategieberater für Ministerien, für die EU-Kommission, für Forschungsinstitutionen, für Unis und für Unternehmen.

STANDARD: Was genau machen sie als Strategieberater?

Prem: Strategieberatung im Bereich Informationstechnologieforschung kann viel sein. Wege aufzeigen, die man mit IT gehen kann. Zum Beispiel Schwerpunkte von Förderprogrammen festlegen, für die Ministerien oder auch für die Länder. Wir diskutieren genauso Ziele und Maßnahmen einer möglichen Kooperation zwischen Universitäten und Unternehmen.

STANDARD: Dann frage ich Sie einmal als Strategieberater: Was läuft im Bereich Informationstechnologie hier zu Lande gut? Was weniger gut?

Prem: Was sich in den letzten Jahren deutlich verbessert hat, ist die Qualität. Man misst heute mit internationalen Maßstäben - das war nicht immer selbstverständlich. Gut funktioniert heute auch die kooperative Forschung, die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Da wurden wirklich Brücken geschlagen.

In Österreich fehlt aber eine Gesamtstrategie. Was will das Land mit IT-Forschung hier zu Lande erreichen? Das kann man nirgendwo lesen und ist auch sicher nicht einfach zu beantworten. Es bräuchte mehr als das n plus erste Forschungsprogramm, das sicher exzellent ist, aber eben nur ein Forschungsprogramm.

STANDARD: Wo würden Sie ansetzen?

Prem: Der IT-Grundlagenforschung zum Beispiel geht es gar nicht gut. Wir haben leider ganz wenige auch international leuchtende Größen an den Unis. Sie ziehen nur wenig Nachwuchs, ganz wenige Dissertanten und so gut wie keine Dissertantinnen nach sich.

Manch ein Professor muss nach Rumänien und Nachwuchs akquirieren, um in Teams arbeiten zu können. Doch da kommt dann das Fremdenrecht zu tragen - für viele Betroffene sicher eine Herausforderung. Die fremdenrechtlichen Bestimmungen sind nicht wirklich hilfreich, um eine florierende IT-Forschung aufzubauen.

STANDARD: Wird die Grundlagenforschung ausreichend unterstützt?

Prem: Es gibt sicher auch finanzielle Defizite in der Grundlagenforschung. Deswegen gehen dann viele Wissenschafter in die angewandte Forschung an Kompetenzzentren oder zu IT-Firmen und beziehen dort weit höhere Gehälter als an den Unis. Für Österreichs IT-Forscher ist es verlockend, anwendungsorientierte Projekte mit der Industrie durchzuführen, weil diese finanziell interessant sind.

Ohne erstklassige IT-Grundlagenforschung droht aber langfristig ein Verlust an Forschungskompetenz. Nicht jede Universität nutzt zum Beispiel die Chancen ihrer neu gewonnenen Autonomie. Die kleineren Unis sind da aber sehr gut unterwegs.

STANDARD: Kritisieren die Forscher den Mangel?

Prem: Leider treten die IT-Forscher nicht als Gruppe auf - da gibt es kein Selbstbewusstsein. Selten kann ein Universitätsprofessor hier eventuelle private Geldgeber vom Nutzen seiner Tätigkeit überzeugen. Zumal diese sehr kurzfristige Ergebnisse verlangen. Das hat dann mit Grundlagenarbeit wenig zu tun. Da muss man sich Zeit nehmen dürfen. Auch um die großen IT-Probleme anzugehen.

STANDARD: Welche sind das?

Prem: Die zunehmende Komplexität der entwickelten Systeme stellt Techniker vor große Herausforderungen. Nehmen Sie das Beispiel des Autos, dessen Fenster fälschlicherweise automatisch runtergehen, wenn es durch die Waschstraße fährt.

Das ist ein Softwareproblem - das passiert nicht, weil die Entwickler schlechte Programmierer sind, sondern weil hinter so einfach aussehenden Problemen zum Teil ungelöste informatische Grundlagenfragen liegen. Die Entwicklung ist in vielen Bereichen noch nicht so weit, um hochkomplexe Aufgaben zuverlässig zu lösen.

STANDARD: Fehlt daher der lange Atem, um sich gewissen großen Fragen wirklich ausführlich zu widmen?

Prem: Es fehlen die ganz großen Vision, wie man diese fundamentalen Fragen der IT lösen könnte. Die Sicherheitsfrage wäre zum Beispiel so ein Thema oder die drahtlose Ad-hoc-Kommunikation. Alles, was derzeit passiert, sind natürlich notwendigerweise - weil die Lösungsansätze aus der industriellen Forschung kommen - kurzfristig gedachte Lösungen. Das muss es natürlich auch geben, aber der Blick weit nach vorn fehlt oft.

STANDARD: Sie sprechen von industrienaher IT-Forschung in Österreich. Wo wird sie betrieben?

Prem: Vor allem in den Großbetrieben - zum Beispiel Infineon oder Philips. Solche Unternehmen haben eine enorme Bedeutung für die Wirtschaft aber vor allem für die Forschung. Kleine Unternehmen könnten in diesem Umfeld mit speziellen Entwicklungen weiterkommen. Es ist schade, dass es hier zu Lande oft eine skeptische Haltung zu Großbetrieben gibt. Aber Größe ist wichtig, um sich als Unternehmen Forschung auch leisten zu können.

STANDARD: Gibt es dann wenigstens genügend Gründungen im IT-Bereich?

Prem: Ein großer Teil der Firmenneugründungen sind Gründungen im Bereich der Informationstechnologien. Wir haben hier zu Lande aber immer noch eine zu schwache Gründertätigkeit. Das mag viele Ursachen haben: Sicher fehlt auch der Nachwuchs, der mit guten Ideen eine entsprechende Firma gründen könnte. Viel schlimmer ist, dass wir in Europa ein schwaches Wachstum im Unternehmensbereich haben. Die Kleinen bleiben klein. (DER STANDARD, Printausgabe, 9. August 2006)

Zur Person

Der Salzburger Erich Prem (39) hat die österreichische Forschungslandschaft von allen Seiten kennen gelernt. Der Australien-Liebhaber studierte an der TU Wien Informatik, war als Wissenschafter am Österreichischen Forschungsinstitut für Artificial Intelligence (ÖFAI) und am Massachusetts Institute of Technology tätig.

Er leitete die Abteilung Informations- und Kommunikationstechnologie im ehemaligen Büro für Internationale Kooperationen BIT, evaluiert IT-Forschung für die EU und ist Gründer von Eutema, einer Technologiemanagement- und beratungsagentur. (pi)

  • Technologiemanager Erich Prem wird mit seiner Agentur Eutema in Zukunft vor allem Strategieberater sein. Für Wissenschaft, Wirtschaft und Politik.
    foto: der standard/hendrich

    Technologiemanager Erich Prem wird mit seiner Agentur Eutema in Zukunft vor allem Strategieberater sein. Für Wissenschaft, Wirtschaft und Politik.

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