Neues Wirkungsprinzip für Krebsmittel in Wien erprobt

19. Juni 2000, 09:37

Enzyme, die den Zellzyklus weiter treiben, werden durch CDK-Hemmstoff blockiert

Wien - Ein neues mögliches Wirkungsprinzip gegen bösartige Erkrankungen könnten Arzneimittel darstellen, die gezielt Enzyme von Krebszellen hemmen, wlche den Zellzyklus und damit die Teilung weiter treiben. "Ich bin nach einer ersten Studie an Patienten, die an meiner Abteilung sowie in Leuwen (Niederlande) und in Newcastle (Großbritannien) gelaufen sind, optimistisch", sagte dazu der Leiter des Ludwig Boltzmann Instituts für Angewandte Krebsforschung am Wiener Kaiser Franz Josef-Spital, Univ.-Prof. Dr. Christian Dittrich.

In den vergangenen beiden Jahren wurden an den drei Kliniken insgesamt 45 schwerkranke Krebspatienten in eine Studie der Europäischen Organisation für die Erforschung und Behandlung von Krebs (EORTC) aufgenommen. Im Rahmen der Untersuchungen sollten die ersten Informationen über den CDK-Hemmstoff E7070 in der Erprobung an Kranken gewonnen werden.

Hinter dem Begriff CDK-Hemmstoff verbirgt sich ein neues Prinzip in der Chemotherapie gegen Krebs. Diese Substanzen blockieren die Produktion von Zyklinen und die Funktion der Zyklin-abhängigen Kinasen der bösartigen Zellen; im Fall von E7070 werden Zyklin E und von CDK 2 gehemmt. Dittrich: "Diese Enzyme fördern den Übergang der Zellen von einer Phase ihres Zyklus in den nächsten. Durch ihre Hemmung wird die Teilung behindert."

"Einfrieren"

Andere Chemotherapeutika, zum Beispiel die Taxane, blockieren beispielsweise die Zellteilung durch das "Einfrieren" von Strukturen in Zellen. CDK-Hemmstoffe lassen hingegen Krebszellen z.B. nicht von der G1-Phase im Zellzyklus über den Übergang in die Synthese-Phase gelangen, in der sie ihre Erbsubstanz verdoppeln. Das ist die Voraussetzung für die Teilung und das Wachstum von Tumoren.

Chemisch ist E7070 mit den Sulfonamiden (Antibiotika) verwandt. Manche Krebszellen haben, vereinfacht ausgedrückt, die Eigenheit, CDK-Enzyme in einem größeren Ausmaß als gesunde Zellen zu bilden. Das lässt Krebszellen schneller und öfter in die Teilung geraten und somit "wuchern".

Wenn Chemotherapien nicht mehr anschlagen

In die Studie, an der auch die Wiener Spitalsabteilung teil nahm, wurden Patienten mit verschiedenen Krebserkrankungen aufgenommen. Es handelte sich um Kranke, bei denen bereits alle verfügbaren Chemotherapeutika nicht mehr ansprachen oder für deren Erkrankung es bisher keine etablierte medikamentöse Behandlung gibt wie z.B. Schilddrüsenkarzinom. Dittrich: "Ein Beispiel für die erste Situation war jemand mit einem Dickdarmkarzinom, der schon vier verschiedene Chemotherapien gehabt hat."

Gesucht wurde die wahrscheinlich günstigste Dosis für das in Entwicklung stehende Medikament für weitere klinische Prüfungen. Außerdem sollte bestimmt werden, welche Dosierung für die Kranken noch zumutbar ist. Der Wiener Onkologe: "Es sieht so aus, als würde man diese Substanz in Zukunft wahrscheinlich alle drei Wochen verabreichen. Man tut das bei diesen Patienten so lange sie auf die Therapie ansprechen. Mit einer Heilung kann man ja in diesen Erkrankungssituationen nicht rechnen."

Ergebnisse übertreffen die Erwartungen

Dittrich: "Man konnte doch bei einigen Patienten ein objektives Ansprechen mit einer mehr als 50-prozentigen Reduktion des Tumors beobachten. Von unseren Patienten blieb zum Beispiel ein Kranker mit einem Melanom länger als eineinhalb Jahre stabil und komplett Beschwerde frei." - Das ist recht viel, wenn man berücksichtigt, dass sich alle Kranken in einem schwer behandelbaren Zustand befanden.

Der Wiener Onkologe weiter: "Diese Beobachtungen übertreffen die Erwartungen. In San Francisco haben sich große Pharmakonzerne die Ergebnisse sehr intensiv angeschaut. Das kann ein weiteres Therapieprinzip in der Chemotherapie gegen Krebs werden."

Die nächsten Studien mit Patienten sind bereits geplant. Es handelt sich dabei um die Erprobung des Therapieprinzips bei Patienten mit Darmkrebs, Mammakarzinomen, Melanomen und Sarkomen (Weichteilkrebs) (APA)

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