Der Bierdosenmann im Tür-Schraubstock

10. August 2006, 19:14
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Dass man die Vordertür eines Autobusses auch absichtlich zum Einklemmen von Fahrgästen verwenden kann, ...

... hatte sich so vermutlich noch niemand überlegt.

***

Es war gestern. Und auch wenn der Mann mit der Bierdose dann greinte, hatte niemand Mitleid. Eher im Gegenteil. Aber weil man sich mit Männern, die schon in der Früh mit Halbliterbierdosen in volle Busse drängeln, nicht anlegt, weil von dieser Spezies oft schon das Angeschautwerden als Grund zum Gegenangriff interpretiert wird, grinsten die meisten Fahrgäste nur hinter dem Rücken des Bierdosenmannes.

Denn der Bierdosenmann war fest gesteckt. Besser: Vom Busfahrer festgesetzt worden. Und zwar beim Einsteigen an der Vordertür: Der Busfahrer hatte, als der Bierdosenmann genau richtig stand, die Tür geschlossen – und den wankenden Gesellen mit der Zigarette in der zweiten, bierdosenlosen Hand, zwischen dem orangenen Handlauf und der Gummidichtung der vordersten Türhälfte fixiert.

Kein Versehen

Zuerst dachte ich – so wie die meisten Fahrgäste wohl auch – dass das ein Versehen plus ein technischer Fehler gewesen sein müsste. Aber als der Busfahrer und der Bierdosenmann dann zu streiten begannen, war klar, dass da von Irrtum keine Rede sein konnte: Der Fahrer hatte den Trinker absichtlich zerniert. Und ließ ihn ein paar Sekunden in der Mangel schmoren. Dass das überhaupt geht und dass sich die Tür nicht automatisch wieder öffnet, wenn jemand feststeckt, war der technologisch-lehrreiche Part der Vorführung für das Publikum.

Aber der Chauffeur hatte nicht uns Fahrgästen die Finessen seines Busses zeigen, sondern dem feststeckenden Fahrgast eine Lektion erteilen wollen. Obwohl das wohl sinnlos war. Der Mann mit der Bierdose hatte – so wie seine beiden ebenfalls wankenden, ungepflegt wirkenden und nach altem, kaltem Rauch in alter Wäsche riechenden, dosenschwenkenden Kumpane auch, zunächst mit brennender Zigarette in den Bus einsteigen wollen. Ein lautes „He, machen Sie vorher die Tschick aus“, hatte ihn einen Schritt zurück machen lassen. Dann dämpfte er - laut über diese Schikane der Wiener Linien fluchend – seine Zigarette langsam und fein säuberlich am Türrahmen und an der Türdichtung des Busses aus.

Flankenschnalzer

Als er dann wieder einstieg, schnalzte ihm der Fahrer die Tür in die Flanke: "Wenn du deine Tschik an meinem Bus ausdämpfst, drück ich meine Tür an dir aus", schnauzte er den reichlich verdutzten wirkenden Mann an. Und ob es nur der Kampf Fahrgast-Tür so aussehen ließ, oder doch tatsächlich die Tür selbst war, die sich da zwei, drei Mal seitlich in den Mann mit dem Bier bohrte, ließ sich auf die Schnelle nicht sagen.

Hatte der dermaßen Gequetschte zuerst noch ein paar empörte Blicke anderer Fahrgäste auf den Fahrer gelenkt, verspielte er die Nano-Sympathie aber umgehend: Der Bus war voll, aber daran, sich halbwegs rücksichtsvoll zwischen in die Wagenmitte zu schieben, denken morgendliche Dosenschwenker nie. Auch nicht daran, dass es nicht jedem Umstehend zur Freude gereicht, wenn man ihnen den Geruch halbgerauchter, zwischen den Fingern oder im Mund gehaltener Zigarettenreste zumutet. Als dann das dritte Mal Bier auf den Kinderwagen nebenan geschwappt war, und der Kinderwagenschieber Buggy & Baby in Sicherheit schob, schnauzte der Bierdosenmann (oder einer seiner bedien Kumpane) dann, dass es eine Zumutung sei, wenn sie kurz Platz machen sollten. Einer der anderen rülpste dem Kinderwagenschieber zur Bestätigung ins Gesicht. Laut und weitriechend-würzig.

"Jetzt!"

Drei Stationen weiter stiegen die Herren aus. Bei der Mitteltür. Als sie genau in der richtigen Position waren, rief einer der Fahrgäste dem Busfahrer laut "Jetzt!" zu. Aber die Tür blieb offen. Vor dem Weiterfahren sah der Fahrer schräg nach hinten in den Fahrgastraum: "Tut mir leid, das geht bei der mittleren Tür nicht", sagte er. Und setzte dann leiser nach: "Auch wenn ich es mir manchmal echt wünschen würde."

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