"In Österreich dürfen nicht alle Menschen gleichberechtigt lieben und leben"

20. Juni 2000, 01:39

Von Doron Rabinovici

"In Österreich dürfen nicht alle Menschen gleichberechtigt lieben und leben. Lange bevor sich die Regierung bildete, wehrten FPÖ und ÖVP Anträge zur Reform ab. Die schwarzblaue Koalition, von Kohl bis Mölzer, propagiert weiterhin die sexuelle Diskriminierung. Sie soll abtreten.

Sexuelle Diskriminierung ist kein Randthema, sondern ein zentrales Problem unserer Gesellschaft. Es geht nicht um sogenannte Minderheiten, sondern um unser aller Recht auf Lust und um die Lust auf unser aller Freiheit. Denn solange ein einziger Mensch aufgrund sexueller Orientierung verfolgt wird, kann niemand ohne Angst vor staatlicher Repression lieben. Mehr noch; in einem Land, in dem ein Mensch verfolgt werden kann, bloß weil er liebt, darf sich keiner von uns frei fühlen. In einer solchen Welt ist letztlich niemand seines Lebens sicher.

Die schwulen Opfer der Nazis werden totgeschwiegen. Die Vergangenheit wird verleugnet, weil sie nicht vergangen ist; weil auch heute noch Homophobie vorherrscht. Weil Lesben, Schwule und Transgenderpersonen noch immer nicht gleichberechtigt sind. Doch es gibt eine Bewegung, die nicht mehr schweigen wird. Wir gehen auf die Regenbogenparade, weil wir nicht mehr schweigen. Wir fordern: Der Paragraph 209 muß endlich fallen. Die Diskriminierungen im Mietrecht und Sozialrecht müssen endlich weg.

Den Freiheitlichen geht es um die Volksgemeinschaft. Sie fordern einen Kinderscheck bloß für Kinder bodenständiger Mütter. Sie schüren abstruse Ängste vor potenzsteigernden Gratispräparaten für Flüchtlinge. Da können die Herren Burschenschaftler noch so lange Säbel mit sich herumtragen. Das Motiv für ihren Haß ist die Angst, die Potenz und den Phallus zu verlieren. Wer von Rassismus reden will, darf von Homophobie und Sexismus nicht schweigen. Wir lehnen jede Koalition mit Rassismus, Sexismus und Homophobie ab.

Aber da ist eine andere Koalition. Da ist eine Koalition gegen Rassismus, Sexismus und Homophobie. Eine Koalition für die Vielfalt menschlichen Lebens und Liebens. Eine Koalition, die von Wien bis Dublin, von Rom bis Trondheim, reicht. Über ganz Europa leuchtet die Farbenpracht unseres Regenbogens. Und weil die Buntheit des Regenbogens Schwarzblau zu überstrahlen vermag, sind wir der Regierung zu bunt. Sie will Grau und Grauen über das Land bringen. Sie will uns lehren, wo Gott wohnt, und zwar auf Teufel komm raus.

Es steht geschrieben, der Regenbogen sei nach der Sintflut entstanden, ein Zeichen der Hoffnung. Und wenn alles trüb und grau wird und schwarzblau, bricht Licht durch. Die Herren Kohl, Mölzer, Westenthaler und Stadler, sie sollen wissen, unser Regenbogen ist nicht bloß bunt, wir hier, wir sind das Spektrum einer menschlicheren Zukunft."

[Auszug aus der Rede, die der Schriftsteller Doron Rabinovici anlässlich der Regebogenparade gehalten hat. derStandard.at möchte ihm für die Überlassung des Manuskriptes auch im Namen der Leser danken. ]

Share if you care.